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Wissen und Technik - 13.06.2019

Jeder isst und trinkt bis zu fünf Gramm Mikroplastik pro Woche

Die Menge einer Kreditkarte: So viele Plastikpartikel nehmen Menschen schon heute durch die Nahrung auf, schätzen Forscher. Doch es gibt regionale Unterschiede.

Auch im Ostseesand von Warnemünde finden sich Mikroplastik-Teilchen, die letztlich auch über die Nahrungskette in den Menschen…

Menschen nehmen täglich Mikroplastik zu sich – durch Nahrung, Trinkwasser oder durch bloßes Atmen. Bis zu fünf Gramm der winzigen Teilchen kommen so pro Woche in den Körper eines Erdenbürgers – abhängig von seinen Lebensumständen. Das schätzen zumindest Forscher der Universität Newcastle (Australien), die sich im Auftrag der Umweltstiftung WWF bereits vorhandene Studien genauer angeschaut haben. Noch ist die Untersuchung allerdings nicht von unabhängigen Forschern begutachtet oder veröffentlicht.

Kleiner als fünf Millimeter, größer als ein Tausendstel Millimeter

Die Untersuchung der Forscher basiert auf Daten zu Mikroplastik – also Teilchen kleiner als 5 Millimeter – in der Atemluft, im Trinkwasser, in Salz, Bier und in Schalentieren. Mikroplastik, das möglicherweise auf anderem Wege aufgenommen wird, wurde in der australischen Analyse nicht berücksichtigt, kritisiert WWF-Mikroplastik-Expertin Caroline Kraas. Auch Fisch wurde von den Forschern trotz verfügbarer Daten ausgenommen, da nicht klar ist, wie viel Mikroplastik beim Verzehr mitgegessen wird, und wie viel beispielsweise in den Innereien der Tiere bleibt.

Der WWF fordert ein globales Abkommen gegen Plastikverschmutzung mit verbindlichen Zielen. „Wenn wir kein Plastik in unserem Körper wollen, müssen wir verhindern, dass jedes Jahr Millionen Tonnen Kunststoffmüll in die Natur geraten“, sagte die Leiterin des Bereiches Meeresschutz beim WWF Deutschland, Heike Vesper, laut einer Mitteilung.

Für Mikroplastik gibt es keine offizielle Definition. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sind üblicherweise Plastikpartikel gemeint, die kleiner als fünf Millimeter und größer als ein Mikrometer (entspricht 1/1000 Millimeter) sind. Es ist technisch praktisch nicht möglich, die kleinen Teilchen wieder aus der Umwelt zu entfernen. Deshalb müsse verhindert werden, dass Plastik überhaupt in die Natur gelangt, meint der WWF.

Plastikmengen in der Nahrung regional sehr unterschiedlich

Die kleinen Teilchen entstehen unter anderem beim Abrieb von Reifen oder Schuhsohlen, beim Verschleiß größerer Plastikteile oder beim Waschen synthetischer Textilien. Auch Mikroplastikpartikel in Kosmetika, aus Bauschutt oder Verwehungen von Sport- und Spielplätzen enden als Mikroplastik in der Umwelt. Das Fraunhofer-Institut ging in einer Studie aus dem vergangenen Jahr davon aus, dass in Deutschland nur rund ein Viertel des Kunststoffs, der in die Umwelt gelangt, aus Makroplastik besteht. Dazu gehören Plastiktüten und andere Kunststoff-Produkte. Der Rest, etwa 74 Prozent, sind demnach Mikroplastik.

Der WWF-Studie zufolge nehmen Menschen das meiste Mikroplastik über Trinkwasser auf – Wasser aus Flaschen ist dabei im Allgemeinen mehr betroffen als Leitungswasser. Dafür ist vermutlich die Flasche selbst oder der Produktions- beziehungsweise Transportprozess verantwortlich. Leitungswasser aus Grundwasservorkommen ist laut WWF-Expertin Kraas in Deutschland unbedenklich: „Man geht nach heutigem Forschungsstand davon aus, dass es im deutschen Grundwasser keinen realen Befund für Mikroplastik gibt.“

Laut der Studie gibt es bei Trinkwasser deutliche regionale Unterschiede. In den USA oder Indien wurde doppelt so viel Plastik nachgewiesen wie in Europa oder Indonesien. „Wieviel Mikroplastik jemand aufnimmt, ist abhängig vom Wohnort, den Lebensbedingungen und der Ernährungsweise“, hieß es von Heike Vesper (WWF). Die genannte Aufnahmemenge von fünf Gramm pro Woche, etwa dem Gewicht einer Kreditkarte entsprechend, ist daher als geschätzter Mittelwert zu verstehen.

Wasser aus Flaschen enthält mehr Mikroplastik als Leitungswasser

Dass die meisten Plastikteilchen über Trinkwasser in den menschlichen Körper gelangen, zeigt auch eine erst vor kurzem im Fachblatt „Environmental Science & Technology“ (EST) veröffentlichte Studie. Die für die USA erstellte Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass Wasser aus Flaschen wesentlich mehr Mikroplastik enthält als Leitungswasser. Die Studie geht insgesamt von bis zu 121.000 Partikeln aus, die ein erwachsener Mann jedes Jahr unter anderem auch über Nahrung aufnimmt. Da sie nur einen Teil der möglichen Mikroplastikquellen berücksichtigen konnten, gehen die Forscher davon aus, dass ihre Schätzungen drastisch zu niedrig liegen.

Der Studie zufolge nehmen US-Amerikaner Mikroplastik mehrheitlich durch Atemluft, Wasser aus Flaschen und über Meerestiere auf. Sowohl die Studie des WWF, als auch die EST-Studie lassen keine wissenschaftlichen Rückschlüsse auf Deutschland zu. Sie enthalten auch keine Informationen, wie sich die Aufnahme von Plastik auf die menschliche Gesundheit auswirkt – das müsse erst noch erforscht werden.

Gesundheitliche Folgen unbekannt

Ob Mikroplastik dem menschlichen Körper schadet, ist laut BfR bislang nicht bewiesen. „Die These, dass Mikroplastik aus Lebensmitteln Menschen krank macht, ist derzeit wissenschaftlich nicht belegt“, sagte Institutspräsident Andreas Hensel Anfang Juni der Funke-Mediengruppe.

Die Forscher der EST-Studie schreiben, dass die Auswirkungen von Mikroplastik auf die menschliche Gesundheit weitgehend unbekannt sind, trotzdem seien mögliche Ursachen für Schäden schon beschrieben worden. Auch das BfR will mögliche negative Auswirkungen nicht ausschließen. Nach einem Aufsatz von Alfonso Lampen vom BfR reagieren die meisten sogenannten Polymere, aus denen Plastik hauptsächlich besteht, im menschlichen Körper nicht. Eine toxische Wirkung sei also vermutlich erstmal unwahrscheinlich – auch wenn es hier viele offene Fragen gebe.

Zudem fügten die Hersteller laut Lampen dem Plastik oft Zusatzstoffe, wie Weichmacher, Farbstoffe und Duftstoffe hinzu. Diese könnten unter bestimmten Bedingungen im Körper wieder freigesetzt werden. Außerdem sei es möglich, dass die Plastikteilchen durch die Umwelt zum Beispiel durch Algentoxine oder Biozide kontaminiert wurden – hier ist unklar, ob sie im Menschen wieder freigesetzt werden können.

Kleine Partikel in einer Größenordnung von wenigen Mikrometern könnten direkt von Zellen in Lunge oder Darm aufgenommen werden, so die EST-Studie. Die Datengrundlage sei aber noch nicht groß genug, um auf gesundheitliche Auswirkungen schließen zu können. BfR-Experte Alfonso Lampen schreibt, dass in allen Geweben, mit denen die Partikel in Kontakt kommen, prinzipiell unerwünschte Wirkungen auftreten könnten. Deshalb sei die Frage nach dem Gesundheitsrisiko von Mikroplastik durch Ernährung eine der Hauptfragestellungen der Risikobewertung.

Noch fehlen die Daten

Die Forschung ist allerdings kompliziert. Größere Partikel bis in den Millimeterbereich sind einfacher zu analysieren. Kleinere könnten durch Filtrations- und Siebtechniken nicht erfasst werden, gleichzeitig spielten sie aber für die Aufnahme durch den Menschen eine größere Rolle.

Insgesamt fehlen den Forschern noch zahlreiche Daten, um die Auswirkungen auf die Gesundheit bestimmen zu können. Das BfR geht davon aus, dass der Kenntnisstand zu Mikroplastik in den nächsten Jahren deutlich wachsen wird, damit würden auch die Analysen besser. Bis dahin bringt die EST-Studie das Vorsorgeprinzip ins Spiel: Um die Aufnahme von Mikroplastik beim Menschen zu reduzieren, wäre es am effektivsten, weniger Plastik zu produzieren und zu nutzen. (dpa)

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