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Wissen und Technik - 13.06.2019

Ossietzkys Anwalt und die braunen Roben

Der Strafverteidiger Alfred Apfel wurde als Anwalts Ossietzkys bekannt. Jetzt zeigt sich: Womöglich war Apfel auch der Autor einer Abrechnung mit der NS-Justiz.

Nach der Verurteilung. Carl von Ossietzky (Mitte) am 10. Mai 1932 beim Haftantritt vor der Strafanstalt in Berlin-Tegel nach dem…

Rechtsanwalt Alfred Apfel war seit Mitte der 1920er Jahre einer der aktivsten Verteidiger in politischen Strafsachen in Berlin und als solcher der Hausanwalt der Wochenschrift „Die Weltbühne“ sowie ihres verantwortlichen Redakteurs Carl von Ossietzky. Er war auch selber publizistisch sehr aktiv, teils schien er seine Mandanten auch außerhalb des Gerichtssaals zu verteidigen.

Seine Erfahrungen hat der prominente Justizkritiker, der sich schon im Mai 1933 höchst bedroht ins Exil nach Paris hatte retten müssen, in dem kleinen Buch „Les Dessous de la justice allemande“ (Hinter den Kulissen der deutschen Justiz) zusammengefasst. Die französische Fassung erschien 1934, die englische 1935.

Die Abrechnung erschien unter Pseudonym

Überraschenderweise schien Apfel danach nichts mehr veröffentlicht zu haben, obwohl ihm doch die Entwicklung der deutschen Justiz ab 1933 noch viel kritikwürdiger erscheinen musste. Das ist insbesondere deshalb schwer zu verstehen, weil Apfel in Frankreich alsbald in Verbindung zu den drei prominentesten politischen Strafverteidigern Campinchi, Moro-Giafferi und Torrès stand, die ihrerseits politisch und publizistisch aktiv waren.

Es gibt eine Lösung für dieses Rätsel: Vieles spricht dafür, dass ein weiteres maßgebliches Werk Apfels, und zwar eine kritische Abrechnung mit den Anfängen der NS-Justiz, 1936 erschien – allerdings unter Pseudonym. Im Folgenden wird der Versuch unternommen, es durch Indizien zu lüften.

Im Jahre 1936 erschien in dem zu diesem Zwecke gegründeten Pariser Kleinverlag Editions Logos der Band „La robe brune – Trois années de justice national-socialiste, en matière civile et criminelle, d’après les jugements et arrêts des tribunaux allemands“ (Die braune Robe – Drei Jahre nationalsozialistische Justiz in Zivil- und Strafsachen entsprechend den Urteilen und Beschlüssen deutscher Gerichte“). Der Autor verbarg sich hinter dem Pseudonym Timoroumenos und wird vom Vorwort-Autor Maître Henry Torrès als nach Frankreich geflüchteter deutscher Rechtsanwalt bezeichnet. Auch in einer Rezension in der „Pariser Tageszeitung“ vom 10. August 1936 bleibt das Pseudonym gewahrt.

In Paris hielten sich zahlreiche deutsche Juristen auf

In Paris hielten sich damals zahlreiche deutsche Juristen auf, die aus Nazi-Deutschland hatten flüchten müssen. Ihnen war politische Betätigung verboten, weil die französische Regierung diplomatische Schwierigkeiten vermeiden wollte. Der Text von der braunen Robe ist eine harte Abrechnung mit dem Verkommen der deutschen Justiz in drei Jahren Nazi-Regime. Die Verwendung eines Pseudonyms war zwingend.

Im Jahre 2000 hat der französische Historiker Yves Ternon den Timoroumenos-Text ausführlich gewürdigt. Ternon charakterisiert ihn zutreffend als gelungene Mischung aus aktuellen Fakten, insbesondere den Nürnberger Gesetzen, und Analyse der fortschreitenden Ersetzung der Gesetzesbindung durch Führerwillen und Parteiprogrammatik. Beeindruckend ist die Materialfülle: höchstrichterliche Entscheidungen ebenso wie solche von Amtsgerichten, Auswertung der gleichgeschalteten Fachliteratur und Tagespresse sowie der Kritik in Exilpublikationen. Mit großer Klarheit liegen dort die Erkenntnisse schon vor, die in der Bundesrepublik lange auf sich warten ließen.

Ternon hat sich bemüht, das griechische Pseudonym zu entschlüsseln. Er schreibt (ins Deutsche übersetzt): „Der Autor verwendet das Pseudonym Timoroumenos, ein Partizip des Verbs timôréô – ,ich übernehme die Verteidigung’ –, das man verstehen kann als ,derjenige, der die Verteidigung übernimmt’, ,der Rache ausübt’, ,Der Rächer’“. Ternon akzentuiert die Bedeutung „Der Rächer“ und bezieht das auf die von den Nazis ermordeten oder in Selbsttötung getriebenen Juristen, denen der Text gewidmet ist.

Der Hinweis durch einen französischen Rechtsanwalt

Weitere Überlegung verdient aber auch die Bedeutung „Der Verteidiger“. Deren möglichem Sinn ist Ternon nicht nachgegangen, sie könnte aber sehr wohl sinngebend sein, wenn das Pseudonym darauf hinwiese, dass der Autor Verteidiger im Sinne von Strafverteidiger sei. Das würde die Zahl der möglichen Autoren auf diejenigen im französischen Exil Lebenden konzentrieren, die in Deutschland einen Namen als Strafverteidiger hatten. Unter ihnen war Alfred Apfel der Prominenteste.

Den wichtigeren Hinweis auf Apfel als Autor gibt indes der Name des französischen Rechtsanwalts Maître Henry Torrès, der das Vorwort beigesteuert hat. Apfel war ab 1929 in Deutschland der aktivste Betreiber der „Internationale juristische Vereinigung/Association juridique internationale“, die die Mehrzahl ihrer Mitglieder in Frankreich hatte. Hinter der Vereinigung stand die kommunistisch gesteuerte „Rote Hilfe/Secours rouge“. Die neue Vereinigung sollte ins nicht parteigebundene linke Lager hineinwirken, zu dem auch Apfel zählte. Sie war darin bis 1933 nicht sehr erfolgreich. In Deutschland endeten die Aktivitäten mit der Machtübernahme der Nazis, während sie in Frankreich Schwung bekamen. Unter zahlreichen anderen wurden die drei zuvor genannten Strafverteidiger dort aktiv. Auf den von der Vereinigung durchgeführten Konferenzen zur Rechtsentwicklung unter dem NS-Regime 1934 und 1935 traten sie als Redner in Erscheinung. Resolutionen dieser Konferenzen sind im Anhang von „La robe brune“ abgedruckt.

Justizkritische Beiträge von Apfel

Für Apfel als Timoroumenos sprechen auch die zahlreichen justizkritischen Beiträge, mit denen er seit Mitte der 20er Jahre – meist in der Weltbühne Carl von Ossietzkys – hervorgetreten war, sowie das erwähnte Buch „Les dessous de la justice allemande“ von 1934. An seine Tochter schrieb Apfel im Jahre 1935, dass er wieder schriftstellerisch tätig sei.

Unter den etwa fünfzig namentlich nachweisbaren deutschen Juristen im Paris der mittleren 30er-Jahre ist niemand, von dem in vergleichbarer Weise ein Werk wie „La robe brune“ zu erwarten gewesen wäre. Die publizistisch tätigen Juristen Ernst Feder und Otto Kirchheimer konzentrierten sich auf justizfernere Themen. In einem Strafprozess hätte Apfel vielleicht dafür gesorgt, dass diese Indizien nicht zu einer Verurteilung führen. Für ein hohes Maß historischer Plausibilität aber reichen sie aus – bis jemand eine bessere Idee hat.

Der Autor ist Jurist und arbeitet über in der NS-Zeit exilierte deutsche Juristen. Er war 1968 einer der Mitbegründer der Zeitschrift „Kritische Justiz“ und 1982 bis 2002 Kanzler der Universität Hannover. Jan Gehlsen hat Alfred Apfels Buch, „Les dessous de la justice allemande“, dessen deutsches Manuskript verloren ist, aus dem Französischen und Englischen zurückübertragen (Hinter den Kulissen der deutschen Justiz, Berliner Wissenschaftsverlag 2013).

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