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Kultur - 4 Wochen ago

32 Jahre Gefangenschaft: Die traurige Geschichte von Sophie, der „Prinzessin von Ahlden“

Ihre große Liebe wurde ermordet, ihre Kinder ihr weggenommen und sie selbst für Jahrzehnte eingesperrt. Das Leben der hübschen Kurprinzessin Sophie Dorothea von Celle ist ebenso aufregend wie tragisch.

Ein Porträt von Sophie Dorothea als junger Frau

Sie war clever, hübsch, lebhaft – und eine tragische Figur. Die Geschichte von Sophie Dorothea, der „Prinzessin von Ahlden“, ist mehr als filmreif. Es ist die Geschichte einer Frau, die sich vergeblich in einer Welt zu behaupten versuchte, der ihr Glück leider herzlich egal war.

Eine Welt, in der Liebe als exotisch gilt

Sophie hatte das Glück – vielleicht auch das Pech –, eine tolle Kindheit zu erleben. Geboren im Jahr 1666 als Tochter des Herzogs von Braunschweig-Lüneburg, wuchs sie in Celle als einziges Kind liebevoller und sich liebender Eltern auf. Und sich liebende Eltern waren im 17. Jahrhundert so etwas wie eine exotische Seltenheit. Gerade in Adelskreisen war eine

Ehe eher ein Deal als ein romantischer Akt. Die Partner konnten froh sein, wenn sie sich zumindest mochten. Männer hatten üblicherweise Mätressen, Frauen waren darüber meist ganz froh.

Bei Sophie Dorotheas Eltern, Herzog Georg Wilhelm und Eleonore von Braunschweig-Lüneburg, war das anders. Eleonore stammte aus Frankreich, ihre Familie gehörte lediglich zum niederen Adel. Sie war keine standesgemäße Partie für einen Herzog. Doch sie und Georg Wilhelm verliebten sich Hals über Kopf. Zuerst begannen sie eine Affäre. 1665 heiratete er die hübsche Französin „zur linken Hand“, eine damals übliche Eheform in Adelskreisen, bei der der rangniedrige Partner nicht den Titel und die Rechte des höherrangigen übernehmen durfte und oft auch nicht erbberechtigt war.

Kinder aus solchen Verbindungen kamen für die Thronfolge meist nicht in Frage.

Das galt zuerst auch für die kleine Sophie Dorothea, die 1666 in

Celle zur Welt kam. Doch ihre Eltern lebten so glücklich und harmonisch zusammen, dass sie es nicht bei ihrer „halbgaren“ Ehe belassen wollten. Mussten sie nicht: Erst erhob der Kaiser Leopold I. 1674 die kleine Sophie per „Gnadenakt“ zu einer offiziellen Tochter mit legitimen Erbansprüchen an ihren Vater, 1676 heirateten ihre Eltern dann noch einmal – richtig. In höheren Adelskreisen sorgte das für Verstimmung. Georg Wilhelms Bruder kam demonstrativ nicht zur Hochzeitsfeier.

Von rundum glücklich hin zu abgrundtief betrübt

Sophie wuchs rundum glücklich als betüdeltes Einzelkind am Celler Hof auf. Sie hatte eine enge, liebevolle Beziehung zu ihrer

Mutter, wurde von allen für ihre Klugheit und Quirligkeit bewundert. All das kam jedoch zu einem abrupten Ende, als sie alt genug war, um zu heiraten. Das Mädchen, das am Beispiel der eigenen Eltern gesehen hatte, wie wichtig Liebe und Zuneigung in der Ehe sind, wünschte sich auch für ihre eigene Zukunft einen Mann, für den sie echte Gefühle hatte.

Und so konnte sie nicht fassen, als ihr Vater mit ihrem Onkel übereinkam, sie ausgerechnet an ihren Cousin aus Hannover zu verheiraten: Georg – den sie von vornherein abstoßend fand. Nachdem der Hochzeitsdeal geschlossen war, soll Sophie schockiert in Ohnmacht gefallen sein. Sie wolle „die Schweinenase“ Georg auf keinen Fall heiraten, protestierte sie. Doch ihr Vater, der ihr bis dahin alles erlaubt hatte, blieb in diesem Fall hart.

Es hat komplexe dynastische Gründe, dass Sophie nicht heiraten durfte, wen sie wollte. Sophies Vater Georg Wilhelm, Herzog zu Braunschweig-Lüneburg, hatte nämlich einst Eheverzicht gelobt, damit nach seinem (dann kinderlosen) Tod sein Land mit dem Reich seines Bruders Ernst August von Hannover (Georgs Vater) zusammengelegt werden könnte, um die Macht der Welfen-Familie zu stärken. Es war anders gekommen – in Form der lieblichen Eleonore. Und hätte Georg Wilhelms Tochter nun irgendwen geheiratet, hätte dieser Mann Erbansprüche stellen können. Der Plan vom vereinten Welfenland wäre geplatzt. So gesehen war ihr Cousin Georg der einzige passable Kandidat für Sophie.

Sophie wehrte sich anfangs aktiv gegen die Verheiratung. Vergeblich. Bei der Hochzeit hätten ihre Tränen permanent überpudert werden müssen, heißt es. Man kann es verstehen: Aus ihrem Elternhaus, in dem man sie geliebt, geschätzt und gefördert hatte, wurde sie nach ihrer Hochzeit „verbannt“ nach Hannover, wo sie lediglich als notwendiges Übel betrachtet wurde. Sie war 16 Jahre alt.

Auch Georg war nicht sonderlich interessiert an seiner Braut. „Die Heirat interessiert ihn wenig, aber zehntausend Taler haben ihn überzeugt, wie sie wohl auch jeden anderen überzeugt hätten“, schrieb Georgs Mutter, Sophie von Hannover, bissig über die Gefühle ihres Sohnes gegenüber seiner neuen Frau. Überhaupt hielt die amtierende Kurfürstin wenig von der jungen Schwiegertochter: Wegen der Herkunft ihrer Mutter („die Französin“) bezeichnete sie Sophie mitunter als „Bastard“ und lästerte im Briefwechsel mit ihrer Lieblingsnichte, Lieselotte von der Pfalz, über den „Mausdreck im Pfeffer“. Der Pfeffer, damals wertvoll und teuer, stand für die Dynastie der Welfen, der Mausdreck für die unstandesgemäß geborene Sophie. Allerliebst.

Unerfüllt, ungeliebt: Sophie Dorothea in Hannover

Inwiefern Georg in dieser Geschichte der Bösewicht ist, ist unklar. Auch er hatte nicht um die Ehe mit Sophie gebeten und fand sie nicht anziehend. Sie: klug, quirlig, abenteuerlustig. Er: still, nüchtern, kühl. Wir wollen jetzt nicht mit dem Klischee des typischen Hannoveraners kommen, aber Sie wissen schon. Der Kurprinz wird mitunter als „schüchtern“ bezeichnet, er war fantasielos und mochte keine Aufregung. Ganz ähnlich gesinnt war seine Geliebte, mit der er eine jahrzehntelange Beziehung führte: die Mätresse Melusine von der Schulenburg. Die Tochter aus niederem Adel war als Hoffräulein für Georgs Mutter nach Hannover gekommen. Spätestens ab 1691 waren sie und der Kurprinz unzertrennlich.

Sophie und Georg erfüllten dennoch in den ersten Ehejahren ihre Aufgabe und sorgten für Nachwuchs – Georg August und Sophie Dorothea junior kamen zur Welt –, danach geschah im Ehebett wohl nichts mehr. Georg widmete sich seiner Melusine und befolgte dickköpfig nicht einmal den Rat seiner Mutter, diese Liebschaft zumindest diskret zu vertuschen. Sophie vermisste ihren Mann in dieser Hinsicht nicht – dafür viele andere Dinge.“Wir leben hier still, kein Abenteuer passiert“, schrieb Sophie Dorothea einer Verwandten und erzählte zudem ironisch, wie das Aufregendste, das sie und ihr Mann zuletzt unternommen hätten, ein Kartenspiel und das Trinken eines trockenen Weißweins gewesen seien. Die Berichte über das Eheleben der beiden sind widersprüchlich: Wahlweise lieferten sie sich häufig lautstarke Streitereien oder behandelten sich mit distanzierter Höflichkeit. So oder so – ein harmonisches Miteinander war das nicht.

Zudem signalisierten sowohl ihr Schwiegervater als auch ihr Schwager „Maxel“, Maximilian Wilhelm, ein unangebrachtes Interesse an der hübschen jungen Frau. In Briefen beschreibt Sophie, wie sie auf Familienausflügen Reißaus vor dem aufdringlichen Schwager nehmen muss. Und wenn die unerwünschten Galane sie nicht nervten, langweilte sich Sophie Dorothea fürchterlich in der damals schmuddeligen Kleinstadt Hannover sowie bei den zahlreichen Jagdausflügen in die öde „Wildnis“ Niedersachsens, die Georg großen Spaß bereiteten, aber sowohl für seine Frau als auch für seine Mutter dröge Tage mit lustlosem Kartenspielen bedeuteten. So wenig Sophies Schwiegermutter auch von ihr hielt – ihre Meinung über den eigenen Sohn war nicht unbedingt besser.

Auch wenn es damals absolut üblich war, missfiel Sophie, wie sehr ihr Mann an seiner Mätresse hing. Zwei Kinder hatte er mit Melusine zu diesem Zeitpunkt (ein drittes würde folgen), und ihrer Meinung nach behandelte er diese unehelichen Töchter besser und zärtlicher als seine legitimen Nachkommen.

Sophie Dorothea mit ihren Kindern, Georg August und Sophie Dorothea junior

Sophie und Philipp: Eine abenteuerliche Affäre

Es ist verständlich, dass Sophie Dorothea nach Ablenkung suchte. Einerseits, weil sie an Liebe und Romantik glaubte und beides trotz ihrer freudlosen Zwangsehe noch erleben wollte. Andererseits, weil sie einfach dringend etwas brauchte, mit dem sie in den ereignislosen Stunden am Hannoveraner Hof ihr Gehirn beschäftigen konnte. Sie wollte Abenteuer erleben, nicht in der Provinz dahinvegetieren.

Wie gerufen kam da 1691 ein alter Freund zurück in ihr Leben: Der schwedische Graf Philipp Christoph von Königsmarck, geboren in Stade und aus altem norddeutschen Adel stammend, war Page am Hof ihrer Eltern gewesen, als Sophie noch ein Kind war. Beide hatten sich damals schon prima verstanden, jetzt war Philipp Christoph nicht nur ein gutaussehender Mann, sondern auch ein draufgängerischer Soldat, der weit in der Welt herumgekommen war. Und sie eine attraktive junge Frau, die bleibenden Eindruck bei ihrem alten Freund aus Kindertagen hinterließ.

Er begann, ihr heimlich bewundernde Briefe zu schreiben. Sophie hielt ihren Verehrer eine Weile hin, dann antwortete sie ihm, schließlich trafen sie sich. Heimlich. Die beiden begannen eine leidenschaftliche Affäre, in die nur Sophies Hofdame Eleonore von dem Knesebeck offiziell eingeweiht war. Gerüchte verbreiteten sich allerdings schnell am ganzen Hannoverschen Hof und besonders die Gräfin Clara Elisabeth von Platen, Mätresse von Sophies Schwiegervater, behielt die junge Kurprinzessin nun stets misstrauisch im Auge. Sophie Dorothea und Philipp Christoph entgingen mitunter nur knapp der Entdeckung. „Das Ganze gleicht einem Roman, und niemand würde es glauben, wenn man es erzählte“, schrieb von Königsmarck nach einem besonders gefährlichen Treffen und einer spektakulären Flucht aus Sophies Gemächern.

Nachdem das eine Weile so ging, nahm Sophie ihr Schicksal schließlich in die Hand. 1693 ist sie 27 Jahre alt und hat genug vom tristen Leben an der Leine. Sie berichtet ihren Eltern von der Beziehung zu Königsmarck und bittet sie, eine Scheidung von Georg zu unterstützen. Sie lässt ihren Ehevertrag rechtlich prüfen. Sie plant sogar mit ihrem Geliebten die gemeinsame Flucht aus Hannover. Doch während ihre Mutter auf ihrer Seite steht, lehnt ihr Vater eine Scheidung kategorisch ab. Das könnte auch mit dem besagten Ehevertrag zu tun haben: Alles, was Sophie mit in die Ehe brachte, gehört nun Georg. Sie stünde nach einer Scheidung mittellos da. Dazu kommt, dass der einst wohlhabende Königsmarck kürzlich seinerseits viel Vermögen verloren hatte und sie kaum unterstützen könnte. Sophies Vater fordert sie auf, sich lieber mit Georg zu arrangieren.

Ein tragischer Wendepunkt in Sophies Leben

Dieser Moment in Sophies Leben ist besonders bitter, wenn man das Ende ihrer Geschichte kennt. Das ist der Moment, in dem alles eine Wendung zum Guten hätte nehmen können. Hätten ihre Eltern der Scheidung zugestimmt und den Verlust ihres großen Vermögens akzeptiert, hätten Sophie Dorothea und Königsmarck sich eine bescheidene Existenz irgendwo aufbauen können. Selbst Georg, mit dem Sophie sich nun immer öfter in der Öffentlichkeit stritt, stand einer Scheidung wohl nicht völlig ablehnend gegenüber.

Was er jedoch nicht hätte akzeptieren können, war die Flucht seiner Frau mit einem Geliebten. Eine sachliche Trennung wäre eine Sache, ein handfester Skandal eine völlig andere. Dabei ging es um seinen Ruf als künftiger Monarch, um den Ruf des Hofes und seinen Stand als Kurfürst. Die Kurfürstenwürde hatte Georgs Vater erst 1692 mühsam errungen, und noch immer waren viele hochrangige Adlige im Land nicht begeistert davon. Doch nachdem eine Scheidung nicht zustande kam – ohne die Einwilligung ihres Vaters war das für Sophie nicht möglich –, nahm genau dieser Plan des gemeinsamen Durchbrennens bei Königsmarck und seiner Geliebten konkrete Formen an. Unglücklicherweise bekam ausgerechnet Sophies „inoffizielle“ Schwiegermutter, die Gräfin von Platen, Wind davon.

Was dann geschah, wird wohl nie zu einhundert Prozent geklärt werden können. Vier Männer passten jedenfalls spät nachts Philipp Christoph von Königsmarck ab, als er Sophies Gemächer verließ. Die offizielle Version: Er wurde anschließend nie wieder gesehen und gilt bis heute als verschollen. Die inoffizielle: Die Männer kamen im Auftrag von Georg, um den Nebenbuhler, der ihm ernsthafte Probleme zu machen drohte, aus dem Weg zu schaffen. Sie töteten ihn und warfen seinen mit Steinen beschwerten Körper in die Leine. Zwei der Täter sollen angeblich später gestanden haben. Ein weiteres Indiz für diesen Tathergang sind rätselhafte Zahlungen großer Geldsummen, die die Männer anschließend von Georg erhielten. Diese finden sich in den Abrechnungen des Hofes.

Diese Nacht des 2. Juli 1694 war das Ende des Philipp Christoph von Königsmarck. Sie war das Ende einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung. Und sie war das Ende von Sophie Dorothea. Nicht das Ende ihres Lebens, nein, aber irgendwie doch genau das. Georg ließ ihre Gemächer durchsuchen – zwischen Spielkarten, Gardinen und in anderen Verstecken fand man zahlreiche Liebesbriefe von Königsmarck.

Jetzt verlangte Georg die Scheidung – und ließ Sophie Dorothea rechtlich die alleinige Schuld für die Trennung geben. Wegen „vorsätzlicher und böswilliger Desertation“ ihres Mannes und „Verweigerung der ehelichen Beiwohnung“. Ihr wurde verboten, jemals wieder neu zu heiraten. Ihre Kinder durfte sie nicht mehr sehen. Georg nutzte die Gelegenheit, direkt alle Erinnerungen an die unliebsame Partnerin aus seinem privaten sowie dem öffentlichen Leben zu entfernen: Sophies Name wurde aus sämtlichen offiziellen Dokumenten gestrichen, auch der Titel „Kurprinzessin“ wurde ihr aberkannt.

Georg ließ seine Frau auf das Schloss Ahlden bei Walsrode verbannen, wo sie streng bewacht wurde. Sophie Dorothea bekam einen kleinen Hofstaat zur Verfügung gestellt, der allerdings ausschließlich aus loyalen Anhängern des Hannoverschen Hofes bestand. Aus Feinden. Die Existenz der quirligen, abenteuerlustigen Prinzessin beschränkte sich von nun an auf wenige Quadratmeter, ihr Umfeld auf wenige Menschen. Sie hatte sich am Hannoverschen Hof eingesperrt und gelangweilt gefühlt – man kann sich nur vorstellen, wie es ihr jetzt ging.

Zwei Jahre lang soll Sophie extrem apathisch gewesen sein und ihr Schicksal wie unter Schock akzeptiert haben. Nach einigen Jahren Gefangenschaft durfte sie immerhin gelegentlich unter Bewachung im Park ausreiten und Gäste wie Musiker empfangen. Auch ihre Mutter konnte sie gelegentlich in ihrer Gefangenschaft besuchen. Doch ihr Vater durfte sie nicht wiedersehen, obwohl er auf dem Sterbebett darum bat.

Sophie sah ihre Kinder nie wieder

Für sie das Schlimmste: Ihre Kinder Georg August und Sophie Dorothea junior sah Sophie nie wieder. Das Wort „nie“ muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ihr Sohn war elf, als sie ihn zum letzten Mal sah, ihre Tochter acht Jahre alt. Es sind Bittbriefe erhalten, in denen sie fleht, von den beiden besucht werden zu dürfen. Darin umschmeichelt Sophie die Menschen, die ihr ihre Freiheit genommen haben – ihren Ex-Mann, ihre Schwiegermutter – unterwürfig. Vergebens. Als ihre Tochter im Jahr 1725, 39-jährig und inzwischen Königin von Preußen, zu Besuch in Hannover war, also ganz in der Nähe, soll Sophie ihre besten Kleider angezogen und jeden Tag am Fenster gewartet haben. Doch Georg blieb hart – Sophie Dorothea junior durfte nicht kommen. Die Mutter wartete vergeblich.

Es ist nicht bekannt, ob es an solchen Entscheidungen lag, doch Georg hatte zu seinen beiden ehelichen Kindern ein ausnehmend schlechtes Verhältnis. Besonders zu Georg August, der eines Tages seine Nachfolge antreten würde. Ob das den nüchternen Hannoveraner vielleicht manchmal dazu brachte, über sein Leben nachzudenken? Wir wissen es nicht.

Während Sophie Dorothea von der Bildfläche verschwunden war, lebte ihr Ex-Mann sein Leben komfortabel weiter. Er heiratete nicht erneut – wozu auch? –, sondern verbrachte von nun an ganz offen seine Tage an der Seite seiner Melusine. Er sorgte dafür, dass die drei Kinder, die er mit seiner Mätresse hatte, finanziell genauso gut gestellt waren wie seine beiden legitimen Kinder. Und nachdem die britische Königin Anne 1714 starb, wurde er König von England. Der erste von zahlreichen „aus Hannover importierten“ englischen Königen.

ADEL

Lehrjahre einer künftigen Königin

Eigentlich hätte Georgs Mutter den britischen Thron übernehmen sollen – sie war Annes Großcousine. Doch kurz bevor es soweit war, starb sie im Alter von 83 Jahren. Somit hätte Sophie Dorothea Königin von England sein können. Stattdessen saß sie gefangen in Celle, vergessen von der Welt.

Sophie tat dem frischgebackenen britischen Monarchen nicht den Gefallen, in ihrer Gefangenschaft schnell und stillschweigend an einer Lungenentzündung oder ähnlichem zu sterben. Kaum vorstellbare 32 Jahre verbrachte sie isoliert auf Schloss Ahlden, bis sie am 13. November 1726 mit 60 Jahren an einem Verschluss der Gallenblase und Leberversagen starb. Ein extrem schmerzhafter Tod. Georg, inzwischen König George I., schickte aus London sofort eine Nachricht nach Hannover: Er verbot ausdrücklich jegliche Form von Trauerbekundung. Als er erfuhr, dass am Hof seiner Tochter, die den preußischen König Friedrich Wilhelm geheiratet hatte, Schwarz getragen und offiziell getrauert wurde, soll er außer sich gewesen sein.

Ihr Ex-Mann verbot Hannover, zu trauern

Auch das Begräbnis der „Prinzessin von Ahlden“ gestaltete sich unwürdig. Da Sophies Bewacher keinerlei Anweisungen hatte, wie sie im Fall ihres Todes vorgehen sollten, wurde der Leichnam zuerst in einen Bleisarg gelegt und im Keller des Schlosses deponiert. Im Januar 1727 – Monate später – kam aus London schließlich der Befehl, die Tote ohne irgendwelche Zeremonien auf dem Friedhof von Ahlden zu begraben. Das war allerdings wegen wochenlanger schwerer Regenfälle unmöglich. So stellte man Sophies Sarg erneut in den Keller und schüttete ihn mit Sand zu. Erst im Mai 1727 wurde die Prinzessin heimlich nachts in der Fürstengruft der Stadtkirche von Celle beigesetzt.

Es wird für Sophie in ihren letzten Lebensjahrzehnten kein Trost gewesen sein – aber ob es ihrem Ex-Mann nun gefiel oder nicht: Sie wurde zur Urmutter Europas. Ihr Sohn Georg August, der spätere britische König George II., war der Ururgroßvater der zukünftigen britischen Königin Victoria, die ihrerseits eng mit fast allen europäischen Monarchen verwandt war. George I., Sophies spröder Ex, überlebte seine geschiedene Frau übrigens nicht lange. Als er spürte, dass es ihm schlechter ging, wollte er noch ein letztes Mal nach Hannover reisen, um seine Heimat zu sehen. Er schaffte es nicht bis dorthin: Der König von England starb am 22. Juni 1727 auf der Durchreise in Osnabrück an einem Schlaganfall.

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