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Deutschland - 10.05.2019

Deutschsein ist kein Zuckerschlecken: Kulturschock Karneval

Zhang Danhong dachte, sie sei für ihr Deutschlandabenteuer gut gewappnet. Mitnichten. Vom Karneval erfuhr sie in China nichts. Da ihr deutscher Freund ein Karnevalsmuffel war, kam das närrische Fest aus heiterem Himmel.

Nach 30 Jahren ist die Autorin ein Kölsch‘ Mädche geworden

Der heilige Severin lebte im fünften Jahrhundert und war der dritte Bischof von Köln. Heute thront er in der Kölner Südstadt und wacht über die nach ihm benannte Kirche sowie ein ehemaliges Kloster, das zu einem Frauenheim umfunktioniert wurde und Anfang 1989 spanische und italienische Gastarbeiterinnen plus eine chinesische Studentin beherbergte. Mit der temperamentvollen Carmen teilte ich dort ein Zimmer. Sie war um die 50 und arbeitete in einer Schneiderei für Berufsbekleidung. Jeden Abend brachte sie mir ein paar spanische Wörter bei.

Seit Anfang Februar lag etwas Ungewöhnliches in der Luft. Vermehrt sah ich verkleidete Menschen auf der Straße: Clowns, Bettler, Ritter oder Hexen. Und das Komische dabei: Niemand störte sich daran. Bis ich eines Tages misstrauisch beäugt wurde, weil ich weit und breit die einzige war, die in normalen Klamotten durch die Gegend lief. Um zehn Uhr abends wollte ich mich gerade bettfertig machen, da stürmten drei gackernde Frauen herein – alle drei dank Verkleidung und Schminke kaum wiederzuerkennen. Carmen hielt mich fest: „Nein. Du darfst nicht jetzt schon ins Bett gehen. Heute ist Weiberfastnacht. Heute wird gefeiert.“

Bützen erlaubt

Die drei streuten mir goldenen Glitzer ins Haar und malten mit dem Lippenstift ein Herz in mein Gesicht. Vor einer Kneipe in der Altstadt gaben sie mir einen Schnellkurs über die Sitten der Weiberfastnacht. Das Wichtigste zum Schluss: „Wenn Männer Dich gleich auf die Wange küssen, darfst Du nicht böse sein.“ „Na, dieses kleine Opfer kann ich ja bringen“, dachte ich.

Gebützt wird nicht untereinander, sondern auch in die Kamera

Kaum traten wir ein, wurde ich von dem Geruchsmix aus Nikotin, Alkohol und Schweiß fast ohnmächtig. Wir vier Frauen wurden sofort von zwei Männern beschlagnahmt: „Kommt zu unserem Tisch. Wir rücken zusammen.“ Einer von den beiden musterte mich, als sei ich eine Außerirdische: „Du kannst auf meinem Schoß Platz nehmen.“ Ich überhörte das Angebot und zwängte mich zwischen Carmen und einen anderen Mann. Er rief den Kellner und bestellte, ohne Rücksprache mit uns zu halten, zwei Kölsch.

Alle schienen die laut abgespielten Lieder gut zu kennen und sangen die Refrains mit Inbrunst mit. Als ein Song mit etwas gemäßigtem Rhythmus an die Reihe kam, hakten sich alle ein und bewegten den Oberkörper wie abgesprochen nach links und nach rechts. Meinem Sitznachbarn reichte das anscheinend nicht aus. Er zerrte mich auf die Tanzfläche und versuchte einen Engtanz (auf Chinesisch Wangentanz, tie mian wu, 贴面舞) mit mir. Es wurde zu einem Tauziehen: Drückte er mich zwei Zentimeter enger an sich, kämpfte ich mich einen Zentimeter frei. Um seinem schweren Atem aus allerlei Alkohol und Ausdunstungen nicht ausgeliefert zu sein, hielt ich den Atem an. Nach gefühlt anderthalb Minuten stieg mir der Sauerstoffmangel in den Kopf. Ich warf Carmen einen flehenden Blick zu und sie erbarmte sich des Karnevalsneulings. An jenem Abend erweiterte ich mein deutsches Vokabular um das Wort „schunkeln“.

Sehnsucht nach Sex – aber mit anderen

Am Samstagabend schlenderten Christian und ich, beide unverkleidet, durch die Altstadt. Durch die offene Tür eines Lokals sahen wir ein Paar an der Theke sitzen, das gerade leidenschaftlich Speichel austauschte. „Ich wette, dass die beiden gleich in einem Hotelbett landen und dass sie sich vor diesem Abend nicht kannten“, sagte Christian mit einem Augenzwinkern. Dann stimmte also die Schlagzeile, die ich am selben Tag auf einer Kölner Boulevardzeitung prangte: „90 Prozent der Kölner wollen Sex – mit Fremden“. Partnertausch mithilfe von Alkohol zur Beseitigung des Schamgefühls – ist das Karneval? 

Christian fühlte sich verpflichtet, mir den Rosenmontagszug zu zeigen. Wir ergatterten einen strategisch guten Standplatz – am Anfang des Zugs, wenn die Menschen in den Wagen noch frisch und voll bepackt sind; auf der rechten Seite des Zuges, da die meisten Rechtshänder sind und die Süßigkeiten eher in diese Richtung werfen; und in der Nähe einer Kneipe, in der wir Kölsch bestellen und deren Toilette wir kostenfrei nutzen konnten. Der Platz hatte nur einen Haken: Er war nicht ganz vorne. Die großen Deutschen verdeckten mir nicht nur den Blick, sie fingen auch alle Süßigkeiten und Blumensträußchen vor mir auf. Das wäre alles nicht so schlimm gewesen, wenn nicht dieses Gefühl des Nichtdazugehörens mich voll im Griff gehabt hätte.

Die phantasievollen Rosenmontagswagen lassen sich vor dem Fernseher im Wohnzimmer viel besser bewundern

Desaster am Dienstag

Dieses Gefühl gipfelte am Veilchendienstag während einer Straßenbahnfahrt. Ich war gerade froh darüber, das Gröbste dieses ersten Karnevals überstanden zu haben, da ertönte in der Bahn ein chaotisches Getrommel, dessen Lautstärke die Schmerzgrenze meiner Ohren überschritt. Dann beging ich den Kardinalfehler: Mit beiden Händen hielt ich die Ohren zu. Einer der sieben oder acht angeheiterten Männer eines karnevalistischen Vereins klopfte mit seinem Rasseln auf meinen Kopf: „Hey Freundchen, sind wir etwa zu laut für Dich?“ Es tat weh – sowohl physisch als auch seelisch.

Der ganze Frust, der sich über die letzten Tage angestaut hatte, brach sich Bahn. Tränen schossen mir in die Augen und flossen die Wangen herunter. Als der junge Mann realisierte, dass er die Person in einer Jeansjacke und mit der kurzen Frisur vor ihm fälschlicherweise für einen Jungen gehalten hatte, murmelte er eine leise „Entschuldigung“. In der Bahn wurde es totenstill. Hastig stieg ich bei der nächsten Haltestelle aus und begab mich zu Fuß unter den Schutz des heiligen Severin. Mein erster Karneval war Kulturschock pur und endete in einem Desaster.

Nachdem ich mich erholt hatte, zog ich Parallelen zwischen dem chinesischen Frühlingsfest und dem rheinischen Karneval. „Tagelange Sauforgie“ wäre auch eine treffende Beschreibung des chinesischen Neujahrsfests – nur ohne die erotische Komponente. Das Kölsche Liedgut erinnerte mich an die acht Modellstücke der Peking-Oper während der Kulturrevolution. Das überschaubare Repertoire macht es in beiden Fällen das allgemeine Mitsingen möglich. Also kaufte ich mir eine CD mit Karnevalstiteln und übte schon mal für die nächste Saison. Und ich schwor mir, nie wieder die Ohren zuzuhalten, selbst wenn mein Trommelfell platzen sollte. So viel Opferbereitschaft für die Integration muss schon sein.

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