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Wissen und Technik - 23.01.2019

Hans Hass: Der junge Mann und das Meer

Naturfilmpionier, Tauchgeräte-Erfinder, Aktivist und Sexsymbol. Heute wäre Hans Hass 100 Jahre alt geworden.

Tauchendes Traumpaar. Hans und Lotte Hass legten in ihren Filmen unter und über Wasser immer viel Wert auf gute Ausrüstung. Aber…

Ausgerechnet in Wien! In einem Land ohne Küste! Hier ist der Mann geboren worden, der unser heutiges Bild vom Meer stärker beeinflusst hat als jeder andere. Er war der Neil Armstrong der Ozeane, der erste freischwimmende Taucher der Welt. Abenteurer, Erfinder, Entdecker, Forscher, Filmemacher, Bestsellerautor, Naturschützer. Sexsymbol. Ein Superstar. Hans Hass, der heute 100 Jahre alt geworden wäre.

Ein Mann mitten unter „Menschenfressern“

Mit einem Urlaub an der französischen Riviera fängt alles an. Eine wasserdichte Brille, ein Blick unter die Oberfläche und es ist um ihn geschehen. Ich kann nur mutmaßen, wie sehr er damals bei seinen Eltern quengeln muss, aber er kriegt sie rum: Sie ermöglichen ihm 1939 eine Reise in die Karibik. Damals ein unerhört exklusives Vergnügen. Mit einer selbstgebauten Unterwasserkamera erkundet er die Unterwasserwelt von Bonaire und Curacao – und knippst und knippst und knippst. Heute blubbern jeden Tag Millionen Freizeit- und Berufstaucher durch die Weltmeere, bewaffnet mit High-Tech-Kameras und wasserdichten Handys. Auf Instagram oder Snapchat sind Hai-Fotos schon lange keine Klick-Monster mehr. Aber damals: eine Sensation! So was hatte die Welt tatsächlich noch nie gesehen. Die Aufnahmen, die Hans Hass in seinem Buch „Unter Korallen und Haien“ veröffentlicht, rauben seinen Lesern den Atem. Sie können gar nicht fassen, was sie dort sehen: Ein Mensch unter Haien! Ein Mann, der sich furchtlos den „Menschenfressern“ nähert!

Dieser Mensch allerdings hält Haie von Anfang an für ziemlich harmlos und sagt das auch. Aber das Klischee von den „blutrünstigen Monstern“ und dem furchtlosen Jüngling, der sie bändigt, befeuert sein Abenteurer-Image. Er ist 21 Jahre alt, lässt es geschehen – und wird schlagartig berühmt.

Tauchgeräte gab es nicht, also erfindet er eins

Hans Hass sieht gut aus, er weiß sich auf Bühnen zu präsentieren, er kann reden. Auch auf dem politischen Parkett des nationalsozialistischen Deutschland bewegt er sich geschmeidig: Die heldensüchtigen Nazis hält er auf Distanz, ohne sie allzu sehr zu verärgern. Er kommt um den Wehrdienst herum. Die Ärzte attestieren ihm ein Raynaud-Syndrom. Dabei handelt es sich, ich weiß das aus eigener Erfahrung, um eine meist harmlos verlaufende Durchblutungsstörung. Er kann damit zwar angeblich nicht marschieren, aber waghalsige Unterwasser-Expeditionen sind ganz offensichtlich kein Problem.

Nebenbei studiert er Jura, erst später wechselt er zur Zoologie.

Aus einem für U-Boot-Besatzungen entwickelten Notlufttauchgerät bastelt er einen Sauerstoff-Automaten, der den heutigen „Rebreathern“ nicht ganz unähnlich ist. Mitten im Krieg, 1942, reist Hass in die Ägäis und taucht ab: Mit seiner Neuentwicklung wird Hans Hass zum Tauchpionier: Er ist damals tatsächlich der erste Mensch, der unter Wasser atmen und umherschwimmen kann. Natürlich ist er abenteuerlustig, aber der angehende Zoologe will auch das Verhalten der Fische erforschen, und wünscht sich dafür, zum Entsetzen seiner altehrwürdigen Kollegen, „selbst zu einem amphibischen Wesen zu werden.“

Cousteau? Hass hat „fast alles vor ihm gemacht“

Die unerforschten Tiefen ziehen ihn magisch an – so wie kurz nach dem Krieg auch Jacques Cousteau. Ständig muss Hass sich mit dem Franzosen vergleichen lassen. Dabei, so bemerkt er gelegentlich, habe er doch „fast alles vor ihm gemacht.“

Und Hass macht es auch anders. Während die Meeres-Expeditionen des ehemaligen Marine-Offiziers Cousteau oft wahre Materialschlachten sind und eher an Militär-Operationen erinnern, gibt Hans Hass die ideale Projektionsfläche für das Fernweh und die Träume der Wiederaufbau-Generation. Die Filme des charismatischen Österreichers haben zwar, besonders in seinen frühen Werken, eine Tendenz zum Kitschigen, sind aber viel emotionaler und sinnlicher als die des spröden Franzosen. Hass kann Bilder wunderbar komponieren und lässt sie virtuos bearbeiten. Als Filmemacher ist Hass damals, so sehe ich es zumindest, seinem Konkurrenten, mit dem er nie konkurrieren wollte, klar überlegen.

In den 1950er Jahren schafft er mit „Abenteuer im Roten Meer“ den internationalen Durchbruch. Natürlich wegen der Unterwasseraufnahmen, aber auch, weil Hass ein begabter Erzähler ist, der sich und sein Team zum Teil der Geschichte macht. Und weil er seine Assistentin und zukünftige Ehefrau Charlotte Baierl mit vor die Kamera holt. Eine Frau unter Haien! Noch eine Weltsensation, wohlkalkuliert.

„Keine Grotte ohne Lotte“

Hans und Lotte reüssieren in „Abenteuer im Roten Meer“ als ein ausgesprochen attraktives Paar, das in eng anliegender Bademode gefährliche Unterwasser-Abenteuer besteht. Ein reizvoller Kontrast zur Blaumann- und Küchenkittel-Realität der Nachkriegs-Zuschauer. Es folgen internationale Cover-Stories, Angebote aus Hollywood. Das Paar hat Millionen Fans auf der ganzen Welt. Zwar ätzt der „Spiegel“ in einer TV-Kritik „Keine Grotte ohne Lotte“ und bedauert die Fernsehzuschauer weltweit, deren Empfangsgeräte Hass „in Aquarien verwandelt“. Doch die Gehässigkeiten schaden dem Erfolg des Duos kein bisschen.

Ab 1953 kreuzen Hans und Lotte mit dem schmucken Forschungssegler „Xarifa“ (Arabisch: „Die Schöne“) durch die Karibik und auch nach Galápagos, im Auftrag der BBC. Auch die Malediven und viele andere exotische Orte besuchen sie. Mit an Bord sind inzwischen Wissenschaftler wie der im vergangenen Jahr verstorbene Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt, die auf den Xarifa-Fahrten tatsächlich ernsthaft und erfolgreich Forschung betreiben können.

Seine kontroverse Theorie zerstört seine Karriere

Für die Filmzuschauer wirken die Törns aber eher wie eine endlose Lustreise. Schließlich hatte Hass seinen Finanziers und Produzenten einen „Spielfilm“ versprochen. Dazu wird „Unternehmen Xarifa“ denn auch, inklusive dramatischer Lotte-Rettung. Für die Meereskundler bedeutet das, als Nebendarsteller in nicht immer substanzvollen Spielszenen mitwirken zu müssen. Herauskommt eine aus heutiger Sicht kuriose Kombination aus Wissenschaft und Unterhaltung. Immer mittendrin Hans und Lotte, das Flossen schwingende Traumpaar.

Alles scheint perfekt. Doch dann beginnt Hans Hass, gegen den Strom zu schwimmen. In einem Interview führt er den Wandel auf eine Art Vision, die er einmal am Great Barrier Reef in Australien gehabt habe, zurück: „Es war, als stünde ich einer großen Macht gegenüber, die mich mit tausend Augen betrachtete.“ Diese Macht lässt ihn nicht mehr los. Er verkauft Anfang der 1960er Jahre die Xarifa, macht sich in der Öffentlichkeit rar und entwickelt die „Energontheorie“. Diese Verbindung von biologischen Erkenntnissen mit der Funktionsweise von Staaten und Konzernen soll sein Meisterwerk werden. Sie mutet schon damals esoterisch an. Ihm wird vorgeworfen, mit pseudowissenschaftlichen Methoden zu arbeiten. Kaum ein Forscher nimmt die Theorie ernst.

Weitsichtiger Beschützer der Meere

Seine Karriere als Wissenschaftler ist damit gescheitert, die Filmkarriere beschädigt. Zwar produziert Hass ab Anfang der 1970er Jahre wieder Naturfilme, aber an die alten Xarifa-Erfolge kann er nicht mehr anknüpfen. Der unermüdliche Cousteau hat ihm zudem längst den Rang abgelaufen, und immer mehr Filmemacher wagen einen Blick unter den Meeresspiegel. Und die immer wieder auftauchende Energon-Sache entfremdet ihn seinem Publikum. Hans Hass wirkt nun manchmal wie ein Fisch auf dem Trockenen, der verzweifelt nach Luft schnappt.

Mehr Weitsicht als bei der Energontheorie zeigt er beim Umweltthema: Überbevölkerung, Überfischung, Massentourismus – Hans Hass wird früh zu einem engagierten und kenntnisreichen Meeresschützer. Besonders das Schicksal der Haie liegt ihm am Herzen. Als er nach seiner filmischen Schaffenspause wieder Tauchen geht, stellt er erschreckt fest, wie schnell die Zerstörung der Unterwasserwelt in dieser kurzen Zeit vorangeschritten ist. Besonders, wie gnadenlos Menschen Jagd auf Haie machen, treibt ihn um. Schließlich sind sie die Tiere, die er mehr als alle anderen bewundert, die ihn faszinieren – und denen er seinen Aufstieg zum Weltstar verdankt.

2013 ist Hans Hass, der sich immer wünschte, ein Fisch unter Fischen zu sein, in seiner Geburtsstadt Wien hochbetagt gestorben. In der Hauptstadt eines Landes ohne Küste und mehr als 300 Kilometer vom Meer entfernt.

Der Autor ist Taucher, Naturfilmer und beim ZDF Moderator von „Terra X“. Er leitet das Naturfilmfestival „Green Screen“ in Eckernförde. Am 9. März präsentiert er im Cinemaxx ein „Best of“ der letztjährigen Beiträge. Einmal ist er Hans Hass begegnet – und hat sich mit ihm gefragt, wie man Haie vor Menschen schützen kann.

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