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Gesundheit - 07.05.2019

Alzheimer-Forschung: Kein Durchbruch aber Hoffnung

Alzheimer: Bis heute gibt es keine Medikamente Heilung der Krankheit und die Forschungsergebnisse lassen kaum hoffen. (Quelle: Symbolbild/Lighthaunter/Getty Images)

Trotz neuer Erkenntnisse und Fortschritte der Alzheimer-Forschung blieb die Suche nach Therapien, die den Ausbruch der unheilbaren Demenz-Erkrankung verhindern oder das Fortschreiten verlangsamen, bislang ohne Erfolg.  

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Mehrere Medikamentenstudien, die bereits in der klinischen Phase waren, wurden in diesem und den vergangenen Jahren abgebrochen. Doch die Rückschläge bedeuten keineswegs das Ende der -Forschung. Denn es gibt weitere, vielversprechende Therapiekonzepte. Einige befinden sich bereits in der klinischen Testphase. 

Neue Forschungsansätze sollen Durchbruch bringen

Bislang hatte sich die Forschung darauf konzentriert, Wirkstoffe gegen die so genannten Amyloid-Plaques (Eiweißablagerungen) einzusetzen, die sich im Gehirn von Alzheimerpatienten bilden. Die erfolglosen Studien hatten jedoch gezeigt, dass dieses Therapiekonzept ins Leere läuft.

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Doch es gibt andere Forschungsansätze, von denen sich Alzheimer-Experten mehr versprechen. „Zurzeit sind über 30 Substanzen gegen Alzheimer in der klinischen Testung“, sagt Professor Agnes Flöel, Neurologin an der Universitätsklinik Greifswald. Viele davon befänden sich bereits in der Phase-III-Prüfung.

Beta-Amyloid wird aus einem größeren Vorläuferprotein (Amyloid Precursor Protein) abgespalten. An das Peptid lagern sich weitere Peptidfragmente an, so dass Ablagerungen entstehen, die die Funktion der Nervenzellen beeinträchtigen und diese schließlich zerstören. (Quelle: Bildmaterial: GettyImages, Bearbeitung: t-online)

Alzheimer-Forschung: Der Fokus liegt auf dem Tau-Protein

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie weist in einer Pressemeldung darauf hin, dass die aktuelle Forschung jetzt stärker auf das Tau-Protein fokussiert sei, das im Zellinneren Bestandteil der sogenannten Mikrotubuli ist. Diese kleinsten Röhren dienen dem Stofftransport zwischen den Zellen sowie ihrer Stabilität. Bei Alzheimer-Patienten ist die Molekülstruktur des Tau-Proteins verändert, so dass es zur Bildung von Tau-Fasern, sogenannten Fibrillen, kommt, die sich in den Zellen ablagern und zum Funktionsverlust der Zellkommunikation sowie zum Zelltod führen. Die Substanz Leuko-Methylthioninium verhindert die Ablagerung von Tau-Fibrillen – erste vielversprechende Studienergebnisse liegen bereits vor.

Andere Phase-III-Studien untersuchen derzeit sogenannte „Small Molecules“, die schützend in Stoffwechselprozesse der Gehirnzellen eingreifen sollen, indem sie bestimmte Enzyme hemmen oder Rezeptoren blockieren. Weiter werden sogenannte Autophagie-Enhancer, die das körpereigene Abräumen von „Zellschrott“ ankurbeln sollen, in Phase IIb-Studien an Patienten in sehr frühen Stadien der Alzheimer Erkrankung untersucht.

Hoffnung auf Impfstoff gegen Alzheimer 

Auch Alzheimer-Impfstoffe wurden erfolgreich weiterentwickelt und befinden sich erneut in der klinischen Prüfung. Die Impfstoffe bewirken, dass das Immunsystem körpereigene Aβ-Antikörper bildet, die β-Amyloid „erkennen“ und sich der Körper selbst dagegen wehren kann. „Sie haben zwar letztlich das gleiche Therapietarget wie die Substanzen, die nun negativ getestet wurden, aber möglicherweise ist die körpereigene Abwehr effektiver“, sagt Flöel.  Ihr Resümee lautet: „Die Alzheimer-Forschung ist noch längst nicht am Ende und wir sind optimistisch, dass einige der Substanzen, die derzeit getestet werden, zu deutlichen Therapiefortschritten führen werden.“

Auch die Alzheimer’s Association in den USA, die die Erforschung der Krankheit finanziell unterstützt, gibt sich zuversichtlich. „Obwohl wir die Hindernisse kennen, waren wir noch nie so optimistisch wie heute“, sagt ihr Leiter James Hendrix. „Wir werden nicht nachlassen in unserem Kampf gegen diese schreckliche Krankheit.“

Das Scheitern der Aducanumab-Studie

Zwei wichtige klinische Studien zur Erprobung eines Alzheimer-Medikamentswaren im März 2019 wegen fehlender Aussicht auf Erfolg abgebrochen worden. Sie befanden sich bereits in Phase 3 der klinischen Erbrobung. Analysen eines unabhängigen Expertengremiums hatten gezeigt, dass der getestete Antikörper nicht wie erhofft den Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit bremst. Das Pharmaunternehmen Biogen hatte den Wirkstoff Aducanumab seit 2017 gemeinsam mit dem japanischen Pharmaunternehmen Eisai für die Markteinführung getestet. 

Vorangegangene Forschungen hatten zunächst vielversprechende Ergebnisse geliefert. So berichteten Biogen-Forscher gemeinsam mit Schweizer Wissenschaftlern 2016 im Fachmagazin „Nature“, dass die Antikörper-Therapie Eiweißablagerungen reduziert, die bei Alzheimer-Patienten im Gehirn zu finden sind. Außerdem schien sich die Verschlechterung der geistigen Leistungsfähigkeit zu verlangsamen. Die Forscher hatten damals Patienten in einem sehr frühen Stadium der Erkrankung untersucht.

Weitere Fehlschläge in der Alzheimer-Forschung

Zuvor hatten auch die Pharma-Unternehmen Pfizer und LaRoche ihre Alzheimer-Forschungen eingestellt, da vielversprechende Alzheimer-Medikamente in Patiententests durchgefallen waren. Hierzu gehörte auch der Wirkstoff Crenezumab, der als Hoffnungsträger galt. Die Forschungsergebnisse seien negativ und das Medikament habe das das angepeilte Studienziel nicht erreicht, teilte Roche mit. Allerdings will das Pharmaunternehmen die die Erforschung und Entwicklung anderer Alzheimer-Mittel weiter fortsetzen.

Roche reiht sich in eine lange Liste von Misserfolgen bei der Entwicklung von Therapien gegen Alzheimer ein, die seit Jahren nicht vom Fleck kommt. Seit 2016 fielen experimentelle Mittel von Eli Lilly, AstraZeneca, Johnson & Johnson oder Merck durch.  Über 100 klinische Studien erbrachten bislang keine wirksame Therapie für die bislang unheilbare Demenzerkrankung. Die Medikamente, die derzeit auf dem Markt sind, können lediglich die Symptome lindern.

Dass die Bemühungen, Alzheimer mit Medikamenten zu behandeln, kaum vorankommen und die Forschungsprojekte seit längerer Zeit stagnieren, bestätigt David Reynolds, Chef-Wissenschaftler der britischen Non-Profit-Organisation Alzheimer’s Research UK. „Die Unternehmen haben in den vergangenen 25 Jahren viel Zeit, Mühe und Geld da reingesteckt, aber auf dem Gebiet wurden seit 16 Jahren keine neuen Medikamente mehr auf den Markt gebracht.“

Alzheimer-Forschung: Wenige Medikamente im Test

Nach Angaben der Website „Alzforum“, die Daten zu möglichen neuen Alzheimer-Medikamenten sammelt, haben bislang weniger als 300 Präparate wenigstens die Testphase II erreicht. Und nur fünf Medikamente wurden für die Behandlung von Alzheimer-Symptomen wie Gedächtnisverlust zugelassen. Gegen das Fortschreiten der Krankheit oder gar für ihre Heilung gibt es bis heute gar kein Medikament.

Reynolds hebt hervor, dass auf dem Gebiet viel weniger Medikamente getestet werden als bei anderen weit verbreiteten schweren Krankheiten. So befänden sich derzeit rund hundert Alzheimer-Medikamente in der Testphase, aber mehr als tausend Präparate gegen Krebs. Ein Grund sei, dass „pharmazeutische Unternehmen letztlich Unternehmen“ seien: „Sie sind ihren Investoren verpflichtet.“ Die teure Alzheimer-Forschung, in der bislang kein Durchbruch gelang, ist also für viele Pharmaunternehmen schlicht nicht attraktiv.

Demenz: Die Zahl der Betroffenen steigt

Dabei gäbe es genügend potenzielle Kunden. Allein in Deutschland gelten nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft heute rund 1,6 Millionen Menschen als demenzkrank. Ungefähr zwei Drittel von ihnen haben Alzheimer. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt an, dass alljährlich weltweit rund zehn Millionen Menschen die Diagnose Demenz bekommen, auch hier sind es zu zwei Dritteln Alzheimer-Fälle.

Bis 2030 dürfte die Zahl der weltweit Betroffenen auf 82 Millionen steigen, bis 2050 sogar auf 152 Millionen. Das liegt auch daran, dass insbesondere ältere Menschen unter Alzheimer leiden und die Lebenserwartung weltweit steigt. Die Folgen für die Angehörigen, die oftmals die aufwändige Pflege der Alzheimer-Patienten übernehmen, und für die Volkswirtschaften sind enorm.

Pharmafirmen setzen auf andere Forschungsprojekte 

Dennoch haben die Pharmaunternehmen in den vergangenen Jahrzehnten vor allem Geld in die Erforschung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs gesteckt, die besonders häufig zum Tod führen. „Bei  gab es diese Investitionen nicht“, bilanziert Reynolds. Daher sei über die Krankheit erst wenig bekannt. Bis heute wissen die Wissenschaftler nicht genau, wie Alzheimer entsteht.

Für die Entwickler von Medikamenten ist das ein Albtraum. Pfizer verkündete Anfang 2018, dass es seine Forschung für Alzheimer- einstelle. Zwei Tage später teilte das dänische Unternehmen Lundbeck mit, dass seine Entwicklung Idalopirdin die Verringerung der kognitiven Fähigkeiten bei Alzheimer-Patienten nicht aufhalte. Kurz darauf verkündete die Biotech-Firma Axovante, dass sie nicht weiter an ihrem Mittel Intepirdin arbeite.

Deutsche Gesellschaft für Neurologie (NDN)

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