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Deutschland - 22.05.2019

Wer ist Al-Salam-313?

Die irakische Rockergruppe „Al-Salam-313“ ist ins Visier deutscher Fahnder geraten. Mehr als 500 Einsatzkräfte durchsuchten 49 Häuser in elf Städten. Was ist über die Gruppe bisher bekannt? Die DW hat recherchiert.

Aus einem Propaganda-Video der irakischen Rocker-Gang: „Benehmt euch respektvoll. Sonst wird Gott jemanden schicken, der sich um euch kümmert.“

Sie werde bedroht, sagt die Kontaktperson der Deutschen Welle. Von einer irakischen Rockergruppe namens „Al-Salam-313“. Wegen ihres westlichen Lebensstils. Weil sie frei ihre Meinung äußert. Das kann sie auch dokumentieren. Das Handy ist voll mit Morddrohungen. Dabei bedeutet „Salam“ eigentlich Frieden.

Die bedrohte Person stammt selbst aus dem Irak und ist aus der Heimat geflohen. Aus Sicherheitsgründen möchte sie in diesem Bericht namentlich nicht erwähnt werden. Dazu rät ihr auch der Staatsschutz der Polizei. Sie kenne weitere Exil-Iraker, die ebenfalls Drohungen erhalten hätten, sagt die Person.

Bislang traut sich niemand, offen darüber zu sprechen. Zu groß ist die Angst, dass die irakischen Rocker ihren Drohungen auch Taten folgen lassen. Nach den Hinweisen der Bedrohten fragt die DW bereits am 10. Mai schriftlich beim Landesverfassungsschutz Nordrhein-Westfalen (NRW) nach. Das ist der Inlandsnachrichtendienst des bevölkerungsreichsten deutschen Bundeslandes. Was weiß man dort über „Al-Salam-313“? Darüber könne man öffentlich keine Informationen erteilen, so die telefonische Antwort. Die Planung der großen Razzia mit mehr als 500 Einsatzkräften war zu diesem Zeitpunkt längst in der entscheidenden Phase. Durchsucht wurden 49 Häuser in elf Städten in NRW. Eine Person wurde verhaftet.

Großrazzia gegen „Al-Salam-313“

Nach Angaben von Landesinnenminister Herbert Reul dauerten die Vorbereitungen des Einsatzes mehrere Monate. Es sei bei der Großrazzia vor allem darum gegangen, Beweise sicherzustellen. Die Vorwürfe gegen „Al-Salam-313“ sind zahlreich, konkret richten sie sich gegen 34 irakische und syrische Tatverdächtige: Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, illegale Schleusungen von Menschen, Passfälschungen und Straftaten im Bereich der Drogenkriminalität. Der Minister spricht von „einem erfolgreichen Schlag gegen die organisierte Kriminalität“. Ob die Gruppe auch außerhalb von Nordrhein-Westfalen aktiv sei, wisse er nicht.

Was öffentlich bekannt ist

Geht es nur um organisierte Kriminalität? Es existiert eine alte Facebook-Seite unter dem Namen „Al-Salam-Germany“, allerdings wird sie seit zwei Jahren nicht mehr genutzt. Der letzte Post stammt von Anfang Mai 2017. Auf der Internet-Plattform YouTube existiert außerdem ein mehr als sieben Minuten langes Propaganda-Video der Rocker-Gang: clip-artig produziert, mit dramatischer Musik unterlegt: In Autos und auf schweren Motorrädern fahren die Gangmitglieder als Kolonne durchs Bild. Dann bauen sie sich in einer Art Halbkreis um ihren Anführer auf. Lauter muskelbepackte Männer mit Lederwesten und teils dunklen Sonnenbrillen.

„Der Friede sei mit euch. Ich bin Abu Mehdi von der Salam-Gruppe 313“, stellt sich der Clan-Chef im Video selber vor. Seinen mutmaßlich richtigen Namen gibt er mit Mohammad Bunia an. Er steht mit verschränkten Armen vor der Kamera, während er über seine Gruppe spricht, die Anfang 2016 gegründet worden sei. Neben Deutschland sei man auch in weiteren europäischen Ländern aktiv, beispielsweise in Schweden, Dänemark und in den Niederlanden. „Wir haben keinerlei Skrupel, gegenüber niemandem. Diejenigen, die nach Europa kommen, müssen sich benehmen“, sagt Abu Mehdi – und bezieht sich vor allem auf nach Deutschland geflüchtete Iraker. Er inszeniert sich als Sittenwächter. 

Die Gruppe sei da, „um zu helfen, nicht um Probleme zu bereiten“. Aber: „Manch einer von euch braucht eine ordentliche Tracht Prügel, ‚arab-style‘ – und ihr wisst genau, was ich damit meine.“ Vorwürfe, die Gang sei so etwas wie eine irakische Mafia, seien blanker Unsinn, sagt der vermeintliche Abu Mehdi an anderer Stelle.

Der religiöse Name

Sein Alias-Name ist nicht zufällig gewählt. Im schiitischen Islam ist ein Mehdi oder auch Mahdi ein von Gott gesandter Nachkomme des Propheten Mohammed, der in der Endzeit das Unrecht auf der Welt beseitigen wird. Auch die Zahl 313 im Namen der Rocker-Gang hat einen religiösen Bezug. Die Schiiten glauben, dass ihr Erlöser mit 313 Gefährten auf die Erde zurückkehren wird.

Eins der Nummernschilder der Fahrzeuge, die im Video zu erkennen sind, beginnt mit dem Buchstaben E. Das Auto ist in der Ruhrgebietsmetropole Essen im Westen Deutschlands registriert. Dort lebt auch Abu Mehdi. Im Dezember 2017 berichtete die dortige Lokalpresse bereits über die Rockergruppe „Al-Salam-313“. Damals gab es in Essen einen Überfall auf die Teestube des Clan-Führers. Auslöser soll ein Konflikt um Schutzgelderpressungen mit einem rivalisierenden libanesischen Clan gewesen sein.

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Das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt (LKA) erwähnt die irakische Rockergruppe „Al-Salam-313“ in seinem sogenannten „Lagebericht Clan-Kriminalität 2018“ nicht namentlich. Allerdings weist das LKA explizit darauf hin, dass in der organisierten Kriminalität in den vergangenen Monaten ein regelrechter „Verdrängungswettbewerb“ stattgefunden habe – der die Vorherrschaft türkischer, kurdischer oder libanesischer Familienverbände bedrohe und offenbar durch Personen mit irakischer und syrischer Herkunft „forciert“ werde. Clans aus diesen beiden kriegszerrütteten Ländern würden „im Milieu als besonders durchsetzungsstark und gewalttätig wahrgenommen“.

Die Mahdi-Armee im Irak

Ein Mitarbeiter des Innenministeriums NRW bestätigte der DW, dass bei „Al-Salam-313“ auch der Verdacht auf politische und religiös motivierte Straftaten bestehe. Konkret geht es um den Vorwurf, dass die Gruppe bewaffnete Glaubensbrüder im Irak unterstützt.

Schiiten-Kleriker Muktada al-Sadr

Besonders enge Verbindungen werden der Rockergruppe zu der sogenannten Mahdi-Armee des radikalen schiitischen Klerikers Muktada al-Sadr nachgesagt. Sie verwendet ebenso wie „Al-Salam-313“ eine Taube in ihrem Logo.

Die Mahdi-Armee soll nach US-Angaben mehrere zehntausend Kämpfer haben. Sie ist nur eine von vielen bewaffneten schiitischen Milizen im Irak. Entstanden waren diese Gruppen nach der US-Invasion 2003. Damals hatte die komplette Demobilisierung der irakischen Armee und die Entlassung weiter Teile der Polizei ein Machtvakuum hinterlassen, das bewaffnete Gruppen füllten.

Viele der schiitischen Gruppen werden vom Iran unterstützt: mit Geld, Waffen und Ausbildung. Im Kampf gegen den sunnitischen, sogenannten „Islamischen Staat“ haben schiitische Milizen eine wichtige Rolle gespielt – oftmals in Koordination mit den US-Streitkräften.

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