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Deutschland - 16.06.2019

Im Sommer steigt die Zwangsehen-Gefahr

Die Frauenhilfsorganisation Terre des Femmes warnt: Für Mädchen mit türkischen und arabischen Wurzeln steigt in den Ferien die Gefahr, in eine Ehe gezwungen zu werden – während des Urlaubs bei Verwandten im Ausland.

Sommerferien, Urlaub mit der Familie – eigentlich eine schöne Zeit. Sie kann aber auch zu einem Albtraum werden: Zwangsehe. Nach Einschätzung von Terre des Femmes steigt in diesen Wochen für junge Mädchen mit Migrationshintergrund das Risiko, im Heimatland ihrer Eltern zu einer Hochzeit mit einem ungeliebten Partner genötigt zu werden.

Oft nähmen kurz vor Ferienbeginn die Anfragen verängstigter Schülerinnen in Beratungsstellen zu, sagte Myria Böhmecke der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Sie arbeitet im Referat „Gewalt im Namen der Ehre“ der Frauenhilfsorganisation. Zwangsverheiratungen seien deutschlandweit keine Einzelfälle. Sie drohten Mädchen und jungen Frauen auch noch in der zweiten und dritten Migranten-Generation.

Patriarchalischen Strukturen

Es sei nicht allein ein islamisches Phänomen, sondern liege vor allem an streng patriarchalischen Strukturen in Familien. In einer kleinen Minderheit sind auch Jungen und junge Männer von Zwangsehen betroffen, vor allem, wenn sie sich als homosexuell outen.

Expertin Böhmecke: „Keine Einzelfälle“

Im November 2018 veröffentlichte der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung Zahlen aus einer nicht-repräsentativen Umfrage. 117 Mal wurde danach im Jahr 2017 eine Zwangsheirat vollzogen, 92 Mal war sie konkret geplant, 113 Mal wurde sie befürchtet. „Wir gehen davon aus, dass die Dunkelziffer viel höher ist“, sagte die Frauenbeauftragte des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg, Petra Koch-Knöbel, der dpa.

Die meisten Mädchen waren demnach zwischen 16 und 21 Jahren und hatten arabische und türkische Wurzeln. Familien stammten aber auch aus kurdischen Gebieten, vom Balkan, aus Bulgarien und Rumänien.

Forderung nach neuen Erhebungen

Deutschlandweite Zahlen stammen aus dem Jahr 2008 und sind ebenfalls nicht repräsentativ. Danach gab es 1771 Beratungen vor einer Zwangsehe, 937 danach und 235 sowohl vorher als auch nachher. Terre des Femmes fordert neue Studien – die Zahlen könnten heute höher liegen.

AR/sti (dpa)

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