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Deutschland - 02.02.2019

Holocaust: Wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt

Es ist ein Rennen gegen die Zeit. Bald werden die letzten Überlebenden der Shoa ihre Geschichte nicht mehr erzählen können. Über den Kampf, die Erinnerung an das beispiellose Verbrechen trotzdem wach zu halten.

Éva Fahidi, 93, ist eine der letzten Überlebenden von Auschwitz. Hier gedenkt sie 2015 zusammen mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel (links) der Befreiung des Konzentrationslagers

Ihr Schweigen dauerte 59 Jahre.

59 Jahre kein Wort über den Rauch, den sie aus den Krematorien in den Himmel emporsteigen sah. 59 Jahre kein Wort über die Enge, den Durst, das laute Geschrei, das sie wochenlang ertragen musste.

59 Jahre kein Wort über Auschwitz.

Dann entscheidet Éva Fahidi, sich allem noch einmal auszusetzen. Am 1. Juli 2003 fährt sie zurück. Seitdem kann sie nicht aufhören, über Auschwitz zu sprechen. Vor allem, weil sie dafür sorgen will, dass diese Hölle auf Erden niemals in Vergessenheit gerät.

Das Eingangstor zum Konzentrationslager Auschwitz: Éva Fahidi und ihre Familie wurden 1944 hierhin deportiert

Zwei Leben – eines vor, eines nach Auschwitz

Die ungarische Gendarmerie nimmt Éva Fahidi und ihre Familie im April 1944 im Auftrag der deutschen Nazis fest, sie werden ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Fahidis Mutter und Schwester werden vergast, ihr Vater stirbt im Lager. Sie selbst muss als Zwangsarbeiterin für ein deutsches Sprengstoffwerk schuften. 1945 wird sie auf einen Todesmarsch geschickt, sie überlebt, kann fliehen.

Heute sagt die Ungarin Fahidi, dass sie zwei Leben hat, eines vor Auschwitz, eines danach. Über die Zeit zwischen diesen beiden Leben kann sie lange nicht sprechen. Inzwischen tut sie es dafür umso häufiger: in Schulen, bei Veranstaltungen, im Thüringer Landtag.

Warum? „Sonst würde ich verrückt werden.“

Auf der kleinen Bühne in Berlin sitzt Éva Fahidi aufrecht, einen hellrosa Schal um die Schultern geschlungen, ihre Fingernägel sind in der gleichen Farbe lackiert. Weil die Gedenkstätte Deutscher Widerstand ihr eine Ausstellung widmet, hat sie die Anreise aus Budapest auf sich genommen.

Wenn man Fahidi zuhört, muss man lachen, weil sie so gut erzählen kann, einen feinen Witz versprüht. Und gleichzeitig die Tränen runterschlucken, immer dann, wenn sie sich an Auschwitz erinnert, an die Schrecken, die sie dort erlebt hat. Auschwitz nennt Fahidi ihr Trauma: „Für mich ist das wirklich eine Erlösung, dass ich jetzt davon so viel reden kann, wie ich nur will“, sagt sie.

„Wir müssen mit dem Glauben leben, dass es nicht noch einmal passiert“

Éva Fahidi, 93 Jahre alt, ist eine der letzten Überlebenden des Holocaust. Was passiert, wenn sie und die anderen, die sich noch erinnern, nicht mehr da sind? Fahidi will daran glauben, dass das Gedenken trotzdem wach bleiben kann. „Das darf nicht noch einmal und kann auch nicht noch einmal passieren.“ Man müsse mit diesem Glauben leben.

„Dann sind die Bücher da, dann sind die Dokumente da. Etwas muss unbedingt bleiben. Es bleiben die Erinnerungsorte, das muss…“, Fahidi macht eine kleine Pause, überlegt: „Das muss wirken“.

In Berlin spricht Fahidi auch von ihrer Rückkehr nach Auschwitz. Auf den Tag genau 59 Jahre, nachdem sie mit ihrer Familie dort hin deportiert worden war. Seitdem ist sie regelmäßig da, spricht auch vor Gruppen in der Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim, polnisch für Auschwitz.

Leszek Szuster, der Direktor der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim, ist der erste Ansprechpartner für Zeitzeugen wie Éva Fahidi, wenn sie hier sind. Über die Jahre seien es immer weniger geworden. „In den 33 Jahren unseres Bestehens standen wir mit 50 Auschwitz-Überlebenden in engem Kontakt“, sagt Szuster. Jetzt kämen nur noch vier bis fünf, um mit Gruppen über ihre Erlebnisse zu sprechen. Viele sind verstorben.

Szuster ist bewusst, dass die Zeit rennt. Mit den wenigen verbliebenen Überlebenden spricht er regelmäßig, um möglichst viel aufsaugen und ihre Geschichten weitergeben zu können: „Ich telefoniere fast täglich mit Zofia Posmysz gegen 23 Uhr, die Gespräche dauern dann immer eine Ewigkeit“, sagt Szuster.

Trotzdem: „An den Bericht eines Zeitzeugen kommen wir nie heran.“

Leszek Szuster setzt ich dafür ein, dass die Erinnerung an den Holocaust nicht verlischt

Deswegen filmen sie schon jetzt die Treffen von Überlebenden mit jungen Menschen für die Zeit danach. Und sie veranstalten Workshops, erzählen dann zum Beispiel, was Zofia Posmysz widerfahren ist. Sie wurde als 18-Jährige in Krakau verhaftet, als sie Flugblätter verteilte, und ins KZ Auschwitz-Birkenau verschleppt. Szuster will Jugendliche wachrütteln: über Auschwitz erzählen und die Geschichte, um vor den Gefahren von heute zu warnen – Antisemitismus, Populismus, Hass gegen Flüchtlinge.

Er fürchtet, „dass beim 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz wahrscheinlich niemand mehr unter uns sein wird, der das alles miterlebt hat.“ Ja, er mache sich schon Sorgen, sagt er. Das Gespräch mit den Zeitzeugen sei bei den Jugendlichen immer der Höhepunkt des Besuchs, viel mehr noch als die Rundgänge durch das ehemalige Vernichtungslager.

Briefe gegen das Vergessen

Fast 1000 Kilometer weiter westlich, in Nordrhein-Westfalen, hat sich eine Gruppe junger Ehrenamtlicher das Rennen gegen die Zeit zur Aufgabe gemacht. Als „Zweitzeugen“ entlasten sie Überlebende. Viele sind selbst zu schwach, um noch vor Schülergruppen zu sprechen. Sie gehen in Schulen, tragen die Geschichte der Zeitzeugen weiter und sorgen so dafür, dass deren Schicksal mit ihrem Tod nicht erlischt. Am Ende eines solchen Gesprächs stehen immer „Briefe gegen das Vergessen“. Da die „Zweitzeugen“ möglichst persönlich erzählen wollen, sprechen sie nicht von Frau de Vries und Herrn Pluznik, sondern von Erna und Siegmund. Durch diese Nähe duzen viele Schüler die Überlebenden ihn ihren Briefen, wie hier:

Liebe Erna,

ich finde es unglaublich, wie du das überleben konntest. Du bist mit 15 in ein Lager gekommen. Und du bist nach Auschwitz gekommen. Du bist wegen einer Krankheit fast gestorben und hast es trotzdem überlebt (unfassbar). Ich finde es schade, dass jemand an deinem 20. Geburtstag dein Brot geklaut hat.

Viele Grüße,

Meiko (11)

oder:

Lieber Siegmund,

auch, wenn du diesen Brief nicht mehr lesen kannst, hoffe ich, dass du weißt, dass viele Menschen, die deine Geschichte gehört haben, dankbar dafür sind, dass du sie mit uns teilst. Deine Geschichte ist ergreifend. Ich hätte dich gerne persönlich kennengelernt.

Simon (14)

Die sozialen Netzwerke als Ort der Erinnerung

Auf die große Frage „Was kommt danach?“ versuchen auch andere Antworten zu finden. Zum Beispiel die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Das Holocaust-Museum setzt auf soziale Medien. Informationen über viereinhalb der insgesamt sechs Millionen Opfer der Shoa sind online in einer Datenbank hinterlegt. Wer sich mit Namen und Herkunftsland anmeldet, bekommt eines der Opfer zugewiesen und kann dessen Bild und Geschichte dann auf Twitter oder Facebook teilen. Ein kurzer Klick als Mittel gegen das Vergessen.

Im Jewish Heritage Museum erzählen Avatare über ihre Erinnerungen an den Holocaust

In New York hält das Jewish Heritage Museum zwei Holocaust-Überlebende als Avatare virtuell am Leben. Die beiden Zeitzeugen antworteten auf Hunderte Fragen und ließen sich dabei filmen. Museumsbesucher können die Avatare über ihre Vergangenheit befragen, was genau sie antworten, entscheidet ein Algorithmus. Können digitale Zeitzeugen das Rennen gegen die Zeit aufhalten? Zumindest zu einem Teil das Gespräch mit einem Überlebenden aus Fleisch und Blut ersetzen?

„Ich bin offen für Experimente“

Leszek Szuster sagt, „je breiter die Auswahl, desto besser“. Mit Avataren überschreite man keine Grenze. Die Erinnerung an den Holocaust solle kein Disneyland werden. Aber: „Wenn die Fakten korrekt sind und die Geschichte der Überlebenden authentisch erzählt wird, dann bin ich offen für Experimente.“

Sehr kontrovers findet Szuster Kunstaktionen wie die des polnischen Konzeptkünstlers Zbigniew Libera, der vor einigen Jahren das KZ Auschwitz mit Legosteinen nachbaute: „Ein Ort der Vernichtung als Spielzeug kann zu Missverständnissen führen, unabhängig von den Intentionen des Künstlers.“

Zurück in Berlin auf der kleinen Bühne bei Éva Fahidi. Der Holocaust sei ein entsetzlicher Schock für die Menschheit gewesen, sagt sie. Und: Den Menschen werde das vielleicht erst so richtig bewusst, „wenn wir nicht mehr da sind“. Die „Zeit danach“ könnte also auch eine neue Art der Erinnerungskultur einläuten, eine, in der, wie Fahidi es ausdrückt, hoffentlich alle Menschen erkennen, „dass sie sich daran beteiligen müssen“.

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