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Deutschland - 18.05.2019

Deutschsein ist kein Zuckerschlecken: Am Idiotentest vorbeigeschrammt

Als Zhang Danhong nach Deutschland kam, hatte sie eine Prioritätenliste im Kopf. Ganz oben stand: Führerschein. Den ging sie dann auch an, nachdem alles mit dem Studium geregelt und der erste Karneval überstanden war.

Immer wenn ich einem Deutschen erzählt habe, dass ich als gebürtige Chinesin nicht Fahrradfahren kann, hat er mir kein Wort geglaubt. Kein Wunder, denn jeder hier hatte vor seinem geistigen Auge die Bilder hunderttausender Radfahrer, die in dichten Trauben die Straßen Pekings füllten. Bilder aus den guten, alten 1980er-Jahren, als China noch als Königreich der Fahrradfahrer bezeichnet wurde. Und so entstand das Klischee, dass jedes Baby in China Fahrradfahren kann. So wie ja auch jedes chinesische Kleinkind in der Lage ist, hochkomplizierte Mathe-Aufgaben zu lösen. Das hat zumindest Michael Ende in seinem Klassiker „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ als ganz selbstverständlich dargestellt.

Eine Pekinger Fahrradformation in Einheitskleidung aus dem Jahr 1984

Aber zurück zu den Fahrrädern: Genau diese dichten Trauben hatten bei meiner Mutter Angstzustände ausgelöst. Sie wollte ihre Tochter nicht eines Tages in einer solchen Traube wissen. Also habe ich es im Kindesalter verpasst, Radfahren zu lernen. An der Peking-Universität hatte dieses Handicap fatale Auswirkungen: Ich musste mir das riesige Unigelände erlaufen, während sich alle anderen nach und nach ein Fahrrad zulegten. Ein Studienfreund wollte mir zeigen, dass auch ich imstande war, diesem Zweirad Herrin zu werden. Also lief er Runde um Runde auf dem Sportplatz neben mir her, während ich mich auf dem Rad immer sicherer fühlte. Eines Tages traute ich mich, den Sportplatz zu verlassen und stellte entsetzt fest, dass sich ein paar Fußgänger auf das Unigelände verirrt hatten. Ich wollte ihnen ausweichen und fuhr doch schnurgerade auf sie zu. Kurz bevor ich jemanden umfuhr, sprang ich vom Rad ab. Um sowohl meine Nerven als auch die unschuldiger Menschen zu schonen, zog ich es vor, wieder auf meine eigenen Beine umzusteigen.

Diese Schmach hat mich nicht mehr losgelassen. Nach meiner Ankunft in Deutschland dachte ich, nur ein Führerschein könnte meine Ehre retten. Landsleute empfahlen mir einen Fahrschullehrer, der Chinesen einen Pauschalpreis anbot: 1200 D-Mark bis zum Führerschein. Die durchschnittlichen Führerschein-Kosten eines mit durchschnittlichem IQ ausgestatteten Deutschen betrugen damals rund 1500 D-Mark. Der Fahrlehrer spekulierte wohl darauf, dass es die ehrgeizigen Asiaten schneller schaffen würden als die Deutschen.

Theorie hui – Praxis pfui

In meinem Fall erwies sich seine Spekulation als Volltreffer, soweit es den theoretischen Teil der Ausbildung betraf. Wer die Hochschulaufnahmeprüfung in China mit Bravour bestanden hatte, für den war das Auswendiglernen der Verkehrsregeln ein Kinderspiel. Auch auf der Straße lief alles wie am Schnürchen, bis ich merkte, dass der Lehrer für mich lenkte und bremste.

Der Theorieteil war für die Autorin eine Kleinigkeit

Der Fahrlehrer war Mitte fünfzig und gehörte zu der Sorte von Männern, neben denen keine Frau mit Freude aufwacht. Wenn er lachte, entblößte er zwei Reihen unsortierter dunkelgelber Zähne. Jede Fahrstunde kostete mich Überwindung. Ich sagte mir: „Du lernst hier Autofahren und bist nicht auf der Suche nach einem Ehemann.“ Diese Selbstdisziplin half. Ich konzentrierte mich auf die Straße und machte Fortschritte.

Eines Tages ließ mich der Fahrlehrer vor einem Hochhaus parken. „Ich wohne hier. Gehen wir zu mir eine Tasse Kaffee trinken“, schlug er vor. Bei mir schrillten alle Alarmglocken, bis ich seine Frau in der Wohnung erblickte. Zurück im Auto fragte er mich: „Meine Frau oder ihr Kaffee – was ist schlimmer?“ „Sie haben Humor“, antwortete ich etwas verlegen. „Ich bin noch nie von einer Chinesin geküsst worden“, sagte er und legte seine Hand auf meine, als ob er mir beim Schalten helfen wollte. „Das wird auch so bleiben“, hätte ich am liebsten gesagt. Stattdessen stellte ich eine ablenkende Frage: „Wann fahren wir auf die Autobahn?“ „Jetzt.“

Endlich wurde mir ein Prüfungstermin mitgeteilt. An diesem Tag nahm der Lehrer auf dem Beifahrersitz Platz, der Prüfer saß hinter uns. Nach ein paar Minuten sollte ich auf eine Hauptstraße fahren. Ein LKW kam von links. Der Fahrlehrer bremste. „Wenn ich hinten gesessen hätte, wären wir jetzt platt.“ Die Prüfung endete abrupt. Der Lehrer klopfte mir auf die Schulter: „Keine Sorge. Viele fallen beim ersten Mal durch.“

Frauen und rückwärts einparken

Beim zweiten Versuch glaubte ich den Führerschein schon sicher in der Tasche zu haben. Bis die letzte Aufgabe drankam: rückwärts seitwärts Einparken. Kopf nach rechts, schräg rückwärts einschlagen, Winkel nehmen und dann das Lenkrad gegensteuern. Beim zweiten Mal klappte es. Dann sollte ich plötzlich auf der linken Straßenseite rückwärts einparken. Eine unendliche Leere spürte ich im Kopf. Dreimal scheiterte ich. Meinen Unmut konnte ich kaum unterdrücken: „Warum muss ich auch links rückwärts seitwärts einparken können? Auf solche Parkplätze kann ich doch verzichten.“

Dass Frauen nicht rückwärts einparken können, ist im Falle der Autorin kein Gerücht

Ich hatte gehört, dass man sich in Deutschland einem Idiotentest unterziehen muss, falls man bei der Fahrprüfung dreimal durchfällt. Also nahm ich die letzte Chance todernst – so ernst wie die Hochschulaufnahmeprüfung. Ich bereitete mich gründlich vor, ging alle Eventualitäten nochmal im Kopf durch und fokussierte mich bei der Prüfung darauf, vorausschauend zu agieren.

Als ich den Führerschein endlich in den Händen hielt, hatte ich den Anflug eines schlechten Gewissens: Nach der Erfahrung mit mir würde das Sonderangebot an die Chinesen garantiert gestrichen!

Heute ist die Schande mit dem Fahrradfahren längst vergessen. Mit dem Auto kann ich mich nicht nur selbstständig fortbewegen, wohin ich will. Seit über 20 Jahren bin ich nebenberuflich auch Fahrerin meiner Kinder. Nur eins habe ich tatsächlich noch nie gemacht: links rückwärts seitwärts Einparken.

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit 30 Jahren in Deutschland. In der Serie „Deutschsein ist kein Zuckerschlecken“ schreibt sie einmal wöchentlich über ihre ersten Kontakte mit der deutschen Sprache und ihre Integration in Deutschland.

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