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Deutschland - 17.06.2019

Der Kampf um Klarnamen im Internet

Soll man bei jeder Äußerung im Internet seinen richtigen Namen angeben müssen? Über die sogenannte Klarnamenpflicht wird grade hitzig diskutiert. Ein Thema, zwei Perspektiven.

Sich anonym im Netz äußern, oder nur mit richtigem Namen – darum dreht sich die aktuelle Diskussion

Vieles was man an Hass-Kommentaren im Internet lesen muss, ist unerträglich. Dass ein sehr großer Teil dieser Kommentare von Verfassern verbreitet wird, die nicht ihren richtigen Namen angeben, ist für viele noch unerträglicher. Denn im Anonymen lässt sich aus der Komfortzone heraus angenehm hetzen, beleidigen und bedrohen – ohne der Gefahr ausgesetzt zu sein, dafür jemals die Konsequenzen tragen zu müssen.

Ursprung der aktuellen Debatte

Annegret Kramp-Karrenbauer, Vorsitzende der konservativen Christlich Demokratischen Union Deutschlands (CDU), hatte mit ihrer Forderung nach Regeln im Internet eine heftige Debatte ausgelöst. Anlass für den aktuellen Vorstoß der CDU-Chefin waren Kommentare im Netz nach dem gewaltsamen Tod von Walter Lübcke. Er war Regierungspräsident des Regierungspräsidiums Kassel im Bundesland Hessen – und war für seine flüchtlingsfreundliche Haltung bekannt. Nach dem Tod Lübckes hatte es in sozialen Medien aus dem rechtsextremen Milieu zahlreiche Kommentare gegeben, in denen Freude und Häme über seinen Tod zum Ausdruck gebracht wurden und zum Teil sogar dazu aufgerufen wurde, Politiker zu ermorden.

Nach Walter Lübckes Tod gab es viel anonyme Häme im Netz

„Wir müssen darüber reden, ob im Netz alles erlaubt sein darf. Oder ob wir nicht eine strengere Netiquette brauchen“, sagte Annegret Kramp-Karrenbauer im Hinblick auf den Tod des ihr persönlich bekannten Lübcke, und weiter: „Ich möchte wissen, wer hinter solchen Kommentaren steckt.“ Auch wenn die Reaktion der CDU-Chefin nur allzu menschlich erscheint, hat sie heftige Reaktionen ausgelöst. Wäre es sinnvoll, wenn sich nur Nutzer unter ihren echten Namen, sogenannten Klarnamen, im Internet an Debatten beteiligen dürfen?

Klarnamen – na klar!

Wer sich nur in Ansätzen vorstellt, wie es der Familie von Walter Lübcke gehen mag, die sich zusätzlich zu dem unsäglichen Schmerz durch den plötzlichen gewaltsamen Tod dann auch noch mit Schadenfreude, Hass und Häme im Internet auseinandersetzen muss, der kann verstehen, dass die Einführung einer Klarnamenpflicht sinnvoll erscheint.

Denn wer würde sich nach so einer abscheulichen Tat offen darüber lustig machen – mit seinem Namen, den Freunde, Verwandte, Kollegen, Nachbarn und Arbeitgeber lesen könnten? Schwer vorstellbar. Die Zahl der hämischen Kommentare würde in diesem Fall wohl erheblich geringer ausfallen. Eine gute Sache! Zudem sollte es ja selbstverständlich sein, dass man zu seiner Meinung steht. Wer also etwas zu sagen hat, sollte dies auch unter seinem Namen tun – auch wer andere beleidigt. Oder eben er lässt seine Beleidigung ganz sein.

Für Klarnamenpflicht: Annegret Kramp-Karrenbauer und Manfred Weber

Annegret Kramp-Karrenbauer steht übrigens mit ihrem Wunsch nach Klarnamenpflicht im Internet nicht alleine da. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) hatte sich ebenfalls dafür ausgesprochen, genauso wie Manfred Weber von der bayerischen CDU-Schwesterpartei Christlich-Soziale Union (CSU), der als Spitzenkandidat der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) aktuell Kommissionspräsident der EU werden möchte. Viele Politiker – egal welcher politischen Richtung sie angehören – haben eigene schlechte Erfahrungen mit anonymer Beleidigung im Netz gesammelt. Sie können sich daher auch gut in andere Beleidigungsopfer hineinversetzen.

Klarnamen – auf keinen Fall! 

Viele Blogger und Netzaktivisten stehen einer möglichen Klarnamenpflicht hingegen äußerst kritisch gegenüber und laufen Sturm dagegen. In der Tat gibt es gute Gründe für Anonymität im Netz, beispielsweise die drei „K“: Kinderwunsch, Krankheiten und Katastrophen. Wer gerne schwanger werden möchte, dabei aber Probleme hat, wendet sich gerne anonym an Foren im Internet, genauso wie jemand, der schwanger ist, aber noch nicht möchte, dass es die große Runde macht – oder auch jemand, der abtreiben möchte. Wenn Arbeitgeber, Freunde, Nachbarn oder Verwandte davon zu früh oder überhaupt erfahren, könnte das eine dauerhafte Ächtung nach sich ziehen.

Nicht jeder, der sich anonym im Netz bewegt, ist gleich ein Verbrecher – viele haben nachvollziehbare Gründe dafür

Ähnlich verhält es sich mit Krankheiten, über die man mehr erfahren und sich austauschen möchte. Den meisten Menschen wäre es wohl nicht recht, wenn die Öffentlichkeit erführe, welche Krankheit ihnen zu schaffen macht. Im Anonymen lässt sich aber offen und ehrlich darüber diskutieren. Das letzte „K“ steht für persönliche Katastrophen. Das können private Dinge sein, die einen komplett aus der Bahn bringen können. Wer beispielsweise Selbstmordgedanken hat, wird sich nicht mit seinem richtigen Namen darüber im Internet anderen anvertrauen, anonym vielleicht schon.

Es gibt aber noch weitere gewichtige Gründe. Einer lautet: „Das Internet vergisst nichts.“ Wer irgendwann mal etwas unter seinem richtigen Namen veröffentlicht hat, muss sich eventuell Jahrzehnte später, dafür verantworten – auch wenn er nun eine völlig andere Meinung hat. Zudem: Es gibt eine ganze Reihe von Ländern, in denen die Meinungsfreiheit stark eingeschränkt ist. Wer sich dort unter seinem richtigen Namen kritisch im Netz beispielsweise zur Landesführung äußert, riskiert unter Umständen sein Leben.

Facebook sieht viel – würde das Netzwerk alle korrekten Namen von Milliarden Usern kennen, hätte es noch mehr Macht

Und dann gibt es noch Unternehmen wie Facebook, die für eine Klarnamenpflicht sind. Zumindest versucht Facebook schon seit Jahren, seine Nutzer dazu zu bringen, ihre richtigen Namen zu verwenden. Wer die richtigen Namen seiner User kennt, kann sie mit Informationen aus anderen Kanälen verbinden und so noch viel mehr Wissen über seine Nutzer gewinnen. Will man das?

Ach ja, und dann gibt es noch das Beispiel Südkorea. Dort wurde 2007 eine Klarnamenpflicht eingeführt. Sie führte allerdings nur zu einer ganz geringen Abnahme beleidigender Äußerungen – und wurde später vom obersten Gericht Südkoreas wieder aufgehoben.

Und jetzt?

Grundsätzlich dürften sich die meisten Menschen hierzulande darauf einigen können, dass anonyme Hass-Kommentare wie die im Fall von Walter Lübcke nicht gehen – und dass es wünschenswert wäre, wenn man hier eingreifen würde.

Aber es gibt eben Bereiche – wie die eben erwähnten – wo falsche Namen Sinn machen. Vielleicht wäre es also eine Herangehensweise, dass man klarer definiert, wo überhaupt eine Klarnamenpflicht Sinn machen könnte. Diese einfach auf das gesamte Internet anzuwenden, scheint da doch etwas zu kurz gedacht.

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